DER FROSCH UND DAS WASSER
Inklusion in Bild und Ton
D/CH 2026, 113 Min. FSK 6
Regie: Thomas Stuber
mit Aladdin Detlefsen, Kanji Tsuda, Bettina Stucky
Eine zutiefst poetische und inklusive Busreise
Wer der Meinung ist, dass im Kino zu oft zu viel gequatscht und selbst das Augenscheinliche ausbuchstabiert wird, der sitzt im richtigen Film. Das neue Werk von Thomas Stuber („Die stillen Trabanten“, „In den Gängen“) kommt mit erfreulich wenigen Dialoge aus – denn das ungleiche Paar in dessen Zentrum versteht sich irgendwann blind. Und wie vom 1981 geborenen Leipziger gewohnt, setzt Stuber diese unausgesprochene Komplizenschaft seiner Figuren ausgesprochen poetisch in Szene.
Möglich macht’s die pointierte Prämisse. Das Drehbuch von Gotthart Kuppel führt zwei Außenseiter zusammen, zwischen deren Lebensumständen Welten und eine Sprachbarriere liegen. Hier der trauernde Japaner Hideo Kitamura (Kanii Tsuda), der trotz eines Todesfalls in der Familie eine geplante Rundreise durch Deutschland und die Schweiz antritt. Dort der gelangweilte Stefan Busch (Aladdin Detlefsen), der dem eintönigen Alltag einer betreuten Wohngemeinschaft entflieht, indem er sich während eines Gruppenausflugs nach Köln spontan der Reisegruppe aus Fernost anschließt. Was folgt, ist eine aberwitzige Irrfahrt und ein seltener Fall: ein gelungenes Roadmovie aus Deutschland.
Der elegant gekleidete Japaner spricht kein Deutsch. Der wie ein Paradiesvogel angezogene Deutsche spricht überhaupt nicht. Sein Spitzname Buschi, den ein paar mitreisende Japaner im Vorübergehen aufgeschnappt haben, regt wiederum heitere Diskussionen an, klingt das deutsche „Buschi“ doch wie das japanische „Bushi“ („武士“), das im Land der aufgehenden Sonne für einen Krieger steht. Wie ein stoischer Samurai aus einem Kurosawa-Film schreitet der mit dem Down-Syndrom geborene Buschi unbeirrt voran, schnappt bei einem Kampfkunstwettbewerb im Konferenzsaal eines Hotels ein paar Bewegungen auf und schwingt später schließlich selbst ein Schwert; wohlgemerkt kein echtes, sondern den Ast eines Baums, der als Ersatzklinge herhält.
Der Schneid, einen solchen Film zu drehen, ist bewundernswert. Denn auf dem Papier spricht einiges dagegen: die Sprachbarriere, die das Synchronisationen gewohnte deutsche Publikum zum Lesen von Untertiteln zwingt; zwei Hauptfiguren, die als schräge Außenseiter wenig Identifikationspotenzial bieten; die vielen Drehorte, die ein Roadmovie wie dieses mit sich bringt; eine Figurenkonstellation, die an Rain Man (1988) erinnert und dessen Klischees über Menschen mit Behinderung befürchten lässt. Zum Glück umgeht Gotthart Kuppel all diese Fallstricke, indem er sich in seinem Drehbuch auch für die Menschen hinter seinen Figuren interessiert und nicht nur auf deren Charakterzüge, Spleens und „Gimmicks“ verlässt.
Wie leichtfüßig Thomas Stuber das inszeniert, ist bestechend. Schon seine früheren, dramatischen Arbeiten, die nicht selten tragisch endeten, durchzog ein leiser Humor. Der Frosch und das Wasser ist sein bislang witzigster Film (nicht zuletzt deshalb, weil die Komik subtiler und tiefsinniger ist als zuletzt bei seinem Kinderfilm Spuk unterm Riesenrad). Neben den beiden Hauptdarstellern, die für ihre Leistung beim Black Nights Film Festival in Tallinn mit dem Schauspielpreis ausgezeichnet wurden, tragen die großartigen Nebendarsteller zur guten Stimmung bei. Während Bettina Stucky als Buschis Betreuerin, die ihrem verlorenen Schäfchen atemlos hinterherhetzt, den nötigen Ernst in den Film bringt und Cornelius Schwalm als Reiseleiter gewohnt zerknirscht auftritt, zeigt sich Meltem Kaptan als warmherzige Busfahrerin solidarisch. Wie dieses Roadmovie ohnehin von stillschweigender Solidarität erzählt – und davon, wie innerlich leidende Menschen einander scheinbar magisch anziehen, sich gegenseitig erkennen und ihr Leid ein wenig lindern.
Die Thomas Stubers Filmen eigene lyrische Qualität besitzt auch dieses Werk. Der Kino-Zeit-Kollege Andreas Köhnemann hat sie als „etwas zutiefst Poetisches […], ohne dabei die Realität zu verkitschen“ beschrieben und der Kollege Harald Mühlbeyer hat auf Stubers „große[s], sinnliche[s] Bewusstsein der Möglichkeiten von filmischen Bildern“ hingewiesen. „Was Kamera, Beleuchtung, Ausstattung angeht, kann sich so mancher deutsche Großfilm eine Scheibe abschneiden“, schreibt Mühlbeyer weiter und dem lässt sich nur beipflichten.Die Bilder, die der Regisseur über seinen Kameramann Filip Zumbrunn für diese Geschichte findet, sind zutiefst cineastisch. Sei es, dass sie das Geschehen nicht verbal, sondern visuell vermitteln, etwa dann, wenn Buschi sein Gegenüber Hideo Kitamura imitiert, wodurch sich Spiegelungen, Symmetrien und Situationskomik ergeben. Sei es, dass das Filmformat die Breite wechselt, je nachdem, ob sich die Figuren eingeengt oder befreit fühlen. Oder sei es durch Einstellungen, die wie aus einer anderen Welt anmuten, beispielsweise dann, wenn Buschi und Hideo, diese zwei Brüder im Geiste, auf einem Steg am Rheinfall in Schaffhausen stehen, der im Himmel zu schweben scheint.
In Momenten wie diesen wird Der Frosch und das Wasser zu schwerelosem Kino, von dem man sich generell, vor allem aber hierzulande mehr wünschen würde. (kino-zeit.de)