VERFLUCHT NORMAL
(OmU/DF)Inklusion in Bild und Ton
OmU
DF
OmU
DF
I Swear – GB 2025, 121 Min. FSK 12
Regie: Kirk Jones
mit Robert Aramayo, Maxine Peake, Peter Mullan
Eine wahre Geschichte neurologischer Normalität
Filme, die zu unterhalten beabsichtigen und zugleich eine Botschaft vermitteln wollen, können rasch in die „Gut gemeint, aber nicht gut gemacht“-Schublade fallen. Dann geht das ehrenwerte Anliegen allmählich im (Sozial-)Kitsch unter – und die angedachten Impulse erscheinen eher als aufdringliche Belehrungen. Im schlimmsten Falle empfindet das Publikum die filmische Behandlung eines wichtigen Sujets gar als klischeehafte Banalisierung, da narrative Konventionen komplexe Sachverhalte oder reale Geschehnisse meist verdichten und vereinfachen müssen. Der Drehbuchautor und Regisseur Kirk Jones, der Werke wie „Lang lebe Ned Devine!“ (1998), „Eine zauberhafte Nanny“ (2005) und „Everybody’s Fine“ (2009) geschaffen hat, trifft im Biopic „Verflucht normal“ indes genau die richtigen Töne, um mit sympathischem Humor von einem Thema zu erzählen, das immer noch der Aufklärung und Sensibilisierung bedarf.
Protagonist der Geschichte ist John Davidson, der 1971 in der schottischen Stadt Galashiels zur Welt kam und als Teenager erste Tics entwickelte, die damals noch nicht als Symptome des Tourette-Syndroms bekannt waren. Der Jungdarsteller Scott Ellis Watson spielt den adoleszenten John überzeugend als zunächst selbstbewussten, fußballbegeisterten Schüler, der durch die wenig erforschte Erkrankung plötzlich zum Außenseiter wird. Die Ehe seiner Mutter Heather (Shirley Henderson) und seines Vaters David (Steven Cree) zerbricht. Die nunmehr alleinerziehende Heather ist von Johns unwillkürlichen Bewegungen sowie den unfreiwillig ausgestoßenen Lauten und Obszönitäten überfordert – und gibt ihrem Sohn stets das Gefühl, sich für seine Tics schämen und permanent entschuldigen zu müssen.Erst als John mit Mitte 20 (nun verkörpert von Robert Aramayo) seinem Jugendfreund Murray (Francesco Piacentini-Smith) und dessen Mutter Dottie (Maxine Peake) begegnet, gewinnt er sein einstiges Selbstbewusstsein wieder zurück – da die gelernte Krankenschwester Dottie ihm begreiflich macht, dass er an seinem Tourette-Syndrom keinerlei Schuld trägt. Der mit Dottie befreundete Hausmeister Tommy (Peter Mullan) gibt John schließlich einen Assistenzjob im örtlichen Gemeindezentrum. Mehr und mehr lernt der junge Mann, seine Erfahrungen mit anderen zu teilen – und damit Betroffenen und deren Angehörigen zu helfen.
Auf die einfühlsame Coming-of-Age-Story im ersten Drittel folgt ein ebenso sensibel geschilderter Prozess, der optimistisch und oft auch witzig-absurd daherkommt, ohne die zahlreichen Hürden auszublenden, die John immer wieder nehmen muss. Der Film feiert das Gefühl, verstanden und ohne Vorbehalt in eine Gemeinschaft integriert zu werden. Verflucht normal lässt den Figuren Ecken und Kanten und zeigt eindrücklich die Energie, die durch Aufklärungsarbeit entstehen kann. (kino-zeit.de)