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DER GROSSE DIKTATOR

The Great Dictator – USA 1940, 124 Min.

Regie: Charlie Chaplin
mit Charlie Chaplin, Paulette Goddard, Jack Oakie
am Do., den 6.8.: Im Kinoptikum!

Charlie Chaplins ewig frische Charakterstudie. Schtonk

Am 16. April 1889 wurde Charles Spencer Chaplin jr., besser bekannt als Charlie Chaplin, in Großbritannien geboren; am 25. Dezember 1977 ist er in der Schweiz gestorben. Er war Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor, Produzent, Cutter, Komponist – kurz gesagt: ein cineastischer Allround-Künstler. Während seiner 54-jährigen Kinokarriere realisierte er mehr als 80 Filme; über 60 davon schon vor seinem 30. Geburtstag. Ob als tollpatschiger Trunkenbold, liebevoller Vagabund, gestresster Fließbandarbeiter oder größenwahnsinniger Herrscher: Chaplin brachte die Leute zum Lachen, Weinen, Nachdenken – und kann sie posthum durch sein geniales Œuvre auch heute noch dazu bringen.
In seinen Stummfilmkomödien entwickelte Chaplin seine legendäre Tramp-Rolle, mit der er sich in die Herzen des Publikums spielte. Zudem eignete er sich in kurzer Zeit das kinematografische Handwerk an, um die vollständige künstlerische Kontrolle über seine Arbeit zu haben. Bei allem (höchst virtuos-akrobatischen) Slapstick ließ sich Chaplin nie davon abhalten, kritische Töne in seine Filme einfließen zu lassen. So veranlassten ihn etwa die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise dazu, in Moderne Zeiten (1936) die Absurdität der Industrialisierung zu visualisieren. Als Fabrikarbeiter am unaufhörlich laufenden Fließband und als Versuchskaninchen für eine neuartige Maschine zeigte er sich in Hochform.
Chaplin sang in Moderne Zeiten ein herrliches Nonsens-Lied – in Der große Diktator (1940) fing er schließlich an zu sprechen und hielt gleich zwei große Reden: einmal in fiktionaler Sprache als Adolf-Hitler-Parodie Adenoid Hynkel (in der deutschen Fassung Anton Hynkel genannt) und einmal als jüdischer Barbier, der zu Toleranz aufruft. Beide Sequenzen sind zu Recht in die Kinohistorie eingegangen.
Das Werk folgt zum einen dem namenlosen Friseur, der durch einen Flugzeugabsturz in der Endphase des Ersten Weltkriegs sein Gedächtnis verloren hat und deshalb zwei Dekaden in einem Krankenhaus verbringen musste. Und zum anderen erzählt es von dem Diktator Hynkel, der die Weltherrschaft erlangen will und ein jüdisches Ghetto terrorisiert, in das der Friseur nach langer Abwesenheit gerade zurückgekehrt ist. Diverse Vorfälle führen dazu, dass der friedliebende Mann und der machtgierige Despot miteinander verwechselt werden – wodurch es zu besagter Rede des Protagonisten kommt, in der dieser die Wichtigkeit eines demokratischen und humanistischen Denkens hervorhebt. Diese Worte haben in unserer heutigen Zeit nichts von ihrer Kraft und leider auch nichts von ihrer Relevanz verloren.Ebenso ist Der große Diktator als Satire noch immer bemerkenswert. Chaplin machte Anfang der 1940er Jahre etwas vermeintlich Hohes, Respekteinflößendes – ein Staatsoberhaupt – zu einer Karikatur, einer Spottfigur. In seiner übertriebenen Nachahmung, die eine sehr genaue Beobachtung der Mimik und Gestik des „Originals“ erkennen lässt, führte er die Infantilität und den Größenwahn von Adolf Hitler vor – als Person, die mit lächerlichem Gebrüll die Aufmerksamkeit der Masse sucht (und gewinnt). In seiner Autobiografie räumte Chaplin später ein, dass er zum Zeitpunkt der Dreharbeiten vom Schrecken in den deutschen Konzentrationslagern nichts gewusst habe – mit dieser Kenntnis hätte er sich „über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“. Ein überaus treffendes Psychogramm ist Chaplin mit seiner detaillierten Darstellung aber dennoch fraglos gelungen.
Als Künstler, der sich mit einer (vermeintlichen) Autoritätsperson anlegte, indem er sie parodierte und ihr starke Widerworte entgegensetzte, entspricht Chaplin der Bezeichnung, die der britische Schriftsteller John Boynton Priestley einst für ihn fand – „a genial and gentle anarchist“. (kino-zeit.de)