FRISCH
D 2024, 98 Min. FSK 16
Regie: Damian John Harper
mit Louis Hofmann, Franz Pätzold, Ralf Richter
Frisches, deutsches Genrekino mit wenig Sonne und viel Beton
Das Kriminalgenre hat es schwer im Kino, weil zu viele Krimis im Fernsehen versendet werden, und weil das Publikum dem deutschen Film nicht zutraut, einfach mal eine spannende Geschichte zu erzählen. Das ist wahrscheinlich auch historisch begründet, weil sich nach Edgar Wallace in Sachen Verbrechen auf der Leinwand keine großen Publikumserfolge mehr eingestellt haben. Diese Situation bietet aber die Chance für Filmemacher, mit frischen Geschichten frische Genreware ins Kino zu bringen, und fürs Publikum, diese Filme zu entdecken und vielleicht zu bemerken, dass da doch was geht.
Frisch ist ein Ruhrpott-Unterwelt-Gangster-Bruder-Thriller, zeitlich verschachtelt in Gegenwart und Rückblenden, und Regisseur Damian John Harper ist klug genug, diese Verschachtelung nicht im Nebeneinander zu belassen. Immer wieder gerät die Kamera von einer Szene in die andere und überspringt dabei Raum und Zeit, immer wieder ist das Vergangene so auch visuell Teil der Gegenwart; gegen Ende blickt Protagonist Kai aus einer Rückblende auf sich selbst in der Gegenwart, in einem kurzen Moment, bevor alles auf den Höhepunkt zusteuert.
Kai und Mirko: zwei mutterlose Brüder, aufgewachsen beim Ziehvater, immer schon gegensätzlich und immer schon miteinander verbunden. Blutsbrüder, im wahren Sinn: Winnetou und Old Shatterhand waren die Helden der Kindheit, und Kai hat sich irgendwo im Inneren die Unschuld des Spiels bewahrt, auch wenn es ernst wird. Er hat ein gutes Verhältnis zu Stiefvater Andi, arbeitet im Schlachthof, hat Frau und kleine Tochter, und hat es doch nie zu etwas gebracht, krebst am unteren Rand herum, so wie alle anderen, die Bekannten, die Kollegen. Mirko tut was dagegen, aber es tut ihm nicht gut, und allen anderen auch nicht. Fast ein Running Gag im Film, wie er immer wieder in den Knast kommt, weil er eine kurze Lunte hat, weil er unberechenbar ist, weil er sich nichts gefallen lässt, weil er mit krummen Geschäften was rausholen will aus dem Leben. Vor allem aber, weil er wirklich brutal ist, weil er seine Triebe nicht bändigt, weil er immer und überall seine Dominanz zeigen muss, seine Männlichkeit, seine Härte. Kai ist sein erstes Opfer, von Kindheit an, und Kai hält alles aus, weil: Bruder.
Der Topos der Brüder – im Gangsterfilm immer wieder ein starkes Band, gegen jede Vernunft, weil Blut verbindet. Oftmals wirkt das aufgesetzt, eher als von außen eingebrachter Impuls für das Weitergehen der Handlung als wirklich den Charakteren entstammend. In Frisch ist die Bruderverbindung gleich einsichtig, das liegt an den Vergangenheitseinsprengseln, aber auch am Spiel von Louis Hofmann als Kai, der sich gerne unterordnet, weil ihm dann Entscheidungen abgenommen werden.
Harper hat zuvor 2018 das starke Drama In the Middle of the River gedreht, eine New-Mexico-Saga um die Abgehängten und Verlorenen. Nun begibt er sich in ein ähnliches Milieu im Ruhrgebiet, und der Pott-Slang wirkt durchaus echt, so echt, wie es in einem stilisierten Genrefilm sein kann und sein muss: „Die Maloche war nicht genug, um alle Rechnungen zu latzen“ – nein, keine Proletariat-Folklore, dafür ist der Film zu hart, zu konsequent durchgezogen.
Im Mittelteil lässt Frisch gewisse dramaturgische Lücken: Kai hat nicht nur eine, sondern zwei Voice-Over-Kommentare beigeordnet, den eigenen, der genregerecht von seiner Vergangenheit spricht, dazu eine innere Wunschstimme, sonor von Ralf Richter gesprochen, die den Wildwest-Mythos der Kindheit in sein aktuelles Leben hinüberrettet – im Kopf immer noch beim Cowboy- und Indianer-Spiel, in der Realität gefangen zwischen Schulden und Mirko. Dies nämlich ist der allzu schwache Plot: Kai hat Mirkos Geld aufbewahrt, während dessen letzter Haft, und muss nun bezahlen. Das wirkt etwas aus der Balance: der schwache Mitläufer Kai, der nicht in die Pötte kommt, und seine beiden starken Off-Kommentierungen seines Lebens – aus diesen beiden Ebenen springen keine echten Funken über.
Die atmosphärische Beklemmung, die sich aus dem Mit- und Gegeneinander von Kai und Mirko ergibt, aus der klaren Milieuzeichnung und aus der geschickten Licht- und Bildstrategie (Kamera: Leonhard Keirat), die lässt sich aber nicht stören von diesen kleineren dramaturgischen Schwächen. Nein: Der Film zieht voll durch, bis zum Schluss. (kino-zeit.de)