Kinoptikum Landshut

PRIMADONNA - DAS MÄDCHEN VON MORGEN

(it. OmU)
Cinema italiano
So 30.11. 11:00
Di  02.12. 19:00
Do 04.12. 20:30
Sa 06.12. 18:00

Primadonna – IT 2022, 97 Min. FSK 16

Regie: Marta Savina
mit Claudia Gusmano, Fabrizio Ferracane, Francesco Colella

Die Geschichte einer Selbstbestimmung nach wahren Begebenheiten

In Sizilien ticken die Uhren oft anders als in anderen Landesteilen Italiens. Das gilt noch heute, aber viel mehr noch für die 1960er Jahre. Damals löste eine mutige junge Frau einen spektakulären Gerichtsprozess aus, als sie gegen alle Konventionen und Widerstände ihren Vergewaltiger anzeigte. Ihre Beharrlichkeit führte nach etlichen Jahren schließlich zu einer folgenreichen Gesetzesänderung. Dieser historische Fall lieferte die Grundlage für den ersten langen Spielfilm der italienischen Regisseurin Marta Savina.
Sizilien 1966. In einer kleinen Landgemeinde lebt die ebenso schöne wie selbstbewusste Lia (Claudia Gusmano) mit ihrem jüngeren Bruder Mario (Francesco Giulio Cerilli) auf dem Bauernhof ihres Vaters Pietro (Fabrizio Ferracane) und ihrer Mutter Sara (Manuela Ventura). Lia hilft lieber ihrem Vater bei der Feldarbeit als ihrer streng religiösen Mutter im Haushalt. Trotz der Warnungen Pietros flirtet die 21-Jährige gelegentlich mit dem smarten Lorenzo (Dario Aita), dem Sohn des örtlichen Mafiabosses. Lorenzo, der gerade aus Deutschland zurückgekehrt ist, will Lia, die sich geschmeichelt fühlt, unbedingt für sich gewinnen. Als sie jedoch erkennt, dass sie in einer Ehe mit ihm ihre Freiheit verlieren würde, verweigert sie ein Wiedersehen.
Lorenzo will das nicht hinnehmen und entführt sie mit einigen Freunden auf ein Landgut, wo er sich vergewaltigt. Da sie damit nach den regionalen Konventionen Schande über sich und ihre Familie gebracht hat, bleibt ihr nur eine sogenannte Wiedergutmachungsehe, um ihre Ehre wiederherzustellen: Sie muss ihren Vergewaltiger heiraten, der nach dem Artikel 544 des Strafgesetzbuches straffrei davonkommen würde. Doch Lia weigert sich, der Vater zeigt den Täter an, es kommt in Palermo zum Strafprozess. Juristischen Beistand erhofft sich die Familie vom Ex-Bürgermeister und Rechtsanwalt Orlando (Francesco Colella).
Regisseurin Marta Savina wurde 1986 in Florenz geboren, wuchs aber in Sizilien auf. Sie kennt also die örtlichen Verhältnisse, was man ihrer nüchternen Inszenierung auch anmerkt. Nachdem sie sich bereits 2017 in dem 15-minütigen Dokumentarfilm Viola, Franca mit dem Fall aus Alcamo in Sizilien beschäftigt hatte, lehnt sie sich in ihrem Drehbuch für den Spielfilm eng an den Präzedenzfall von Franca Viola an, ändert aber – vermutlich aus dramaturgischen Gründen – einige Einzelheiten. Während der Vergewaltiger wie sein historisches Vorbild im Film zu elf Jahren Haft verurteilt wird, fallen die Haftstrafen für seine Helfershelfer im Film deutlich höher aus als im damaligen Gerichtsverfahren, in dem fünf mitangeklagte Entführer sogar freigesprochen wurden.
Der Prozess um den Frauenraub, der noch als „Liebesflucht“ beschönigt wurde, sorgte seinerzeit für große Schlagzeilen, weil sich hier eine Frau gegen überkommene Konventionen und eine antiquierte Rechtsklausel wehrte. Ihr Widerstand und das Urteil lösten zudem langwierige politische und juristische Diskussionen aus, aber erst nach 15 Jahren konnte sich das Parlament 1981 dazu durchringen, die Regelung zum Matrimonio riparatore, also der Wiedergutmachungsehe, abzuschaffen.
Die Autorin und Regisseurin nutzt den Vorfall nicht zu einem feministischen Kampffilm oder zu einem sentimentalen Rührstück, sondern inszeniert in ruhigen Bildern ein nüchternes, unspektakuläres Frauen- und Familiendrama. Gerade durch seine Zurückhaltung nimmt es umso nachdrücklicher die perfide Doppelmoral und die systematische Entrechtung von Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft wie der sizilianischen aufs Korn und tritt zugleich für die Gleichstellung der Geschlechter ein.
Zu diesem realistischen Stil passt die bescheidene Spielweise der Hauptdarstellerin Claudia Gusmano. Vor allem ihre ausdrucksstarken Augen machen sofort die innere Zerrissenheit von Lia glaubhaft, die sich aus offenkundiger Scham gefährlich lange weigert, in der Öffentlichkeit des Gerichtssaals ihre Version der Gewalttat auszusprechen.
Eher beiläufig zeigt der Film die Mechanismen der gesellschaftlichen Ächtung und die wirtschaftlichen Schäden, die die Familie des Opfers nach der Verweigerung der Heirat erleidet. Da wird Pietros Acker verwüstet und die Ernte vernichtet, vermutlich von dem Mafia-Clan, da zucken die herbeigerufenen Carabinieri nur mit den Achseln, da verweigert der Priester der Familie den Zutritt zum Karfreitagsgottesdienst. Da kann sich Lia kaum noch allein auf die Straße trauen und bekommt per Steinwurf eine Morddrohung, und eine wichtige Zeugin wird Zielscheibe eines blutigen Anschlags, ehe sie vor Gericht aussagen kann.
Ähnlich unspektakulär streift Savina die Diskriminierung von Homosexuellen. Wegen seiner sexuellen Orientierung wurde der Bürgermeister Orlando vor einigen Jahren aus der Politik gedrängt, seitdem leidet er unter seinem schlechten Ruf. Ein Handicap, das ihn lange davon abhält, Lia vor Gericht zu vertreten. Sozial ausgegrenzt ist auch die Prostituierte Ines (Thony), die ebenfalls ein Opfer der Machenschaften des Mafia-Clans geworden ist und Lia heimlich ihre Unterstützung anbietet. Umso naheliegender und tröstlicher ist die Solidarität, die zwischen den drei Außenseitern aufkeimt.
Bedauerlich ist, dass der Film kurz nach dem Gerichtsurteil endet. Wir hätten gerne erfahren, ob der Vater, der angesichts weiterer drohender Übergriffe mit der Familie nach Mailand ausweichen will, mit seinem Pessimismus recht hat, wenn er der erleichterten Tochter sagt: „Wir können nicht gegen sie gewinnen. Sie gewinnen immer.“ Zumindest mit dem langfristigen Blick auf die Gesetzesänderung von 1981 haben Lia und ihre Familie dann doch gewonnen. (kino-zeit.de)

Originaltitel: 
Primadonna
Land/Jahr: 
IT 2022
Länge:
97 Min.
Regie:
Marta Savina
Darsteller:
Claudia Gusmano, Fabrizio Ferracane, Francesco Colella