YES
(OmU/DF)Kino Nahost
Ken – D/F/ISR/CY 2025, 149 Min. FSK 16
Regie: Nadav Lapid
mit Ariel Bronz, Efrat Dor, Alexey Serebryakov
Überwältigungskino aus der innersten Seele Israels
Es dauert bis in den dritten Akt. Dann erst entspinnt sich der erste längere, ernsthafte Dialog mit wirklicher Fallhöhe zwischen dem Paar im Zentrum von „Yes“ – zwischen Y. (Ariel Bronz) und Yasmin (Efrat Dor). Doch da scheint längst alles zu spät – zu spät für Worte, für eine gemeinsame Zukunft, für Erlösung und Seelenfrieden. Frei nach Adam Curtis: Wie sind wir nur an diesen Punkt gekommen? Wo sind wir falsch abgebogen? Wann ist uns all das entglitten, das uns verbindet, eint, zusammenhält und ausmacht?
Nadav Lapid scheint sich selbst nicht sicher zu sein, ob dieser Moment für Israel der 7. Oktober 2023 war, mit seinen blutigen Folgen, oder ob die Entwicklung zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen war. Genau diese Unsicherheit steckt auch tief in den Knochen von Y. und Yasmin. Er ist Musiker, sie Tänzerin. Sie schaffen es kaum, sich und den gemeinsamen einjährigen Sohn Noah über die Runden zu bringen. So ziehen sie von Party zu Party der Reichen, Schönen und Mächtigen, schlagen sich Nächte und Drogen um die Ohren – immer in der Hoffnung, die Nacht im Bett irgendeines fleischgewordenen Bündels Fuck-You-Money zu beschließen und dabei selbst ein paar Scheine abzuzwacken.
Den 7. Oktober und seine Folgen wollen sie vergessen, können es aber nicht. Ständig gibt das Smartphone mit der sonstwievielten Eilmeldung von den nächsten Hunderten von Toten im Gazastreifen Laut. Der Horror, das Grauen, das Leid der Palästinenser*innen und auch das eigene Trauma nehmen einfach kein Ende, drängen immer wieder in die Welt von Y. und Yasmin, bahnen sich einen Weg durch den desorientierenden Rausch aus Bildern, Musik und drogengeschwängerter Ekstase.
Nadav Lapid inszeniert zunächst ein regelrechtes Überwältigungskino, das alle Sinne angreift – mit wildem Schnitt, radikalem Soundtrack samt großer Vorliebe für völlig enthemmten Eurodance und zuckenden Lichtern. Er lässt seinen Figuren und uns als Publikum erst mal keine Zeit und keinen Raum zum Denken – und eben auch nicht zum Fühlen. Yes ist somit auch ein Kino des Verdrängens. Damit beschreibt Lapid eine Realitätsflucht, die sich eben aus dieser Verdrängung speist, aber auch aus der absoluten Unfähigkeit, auf das zu reagieren, was am 7. Oktober seinen Lauf nahm – persönlich, gesellschaftlich und politisch.
Schnell beginnt Lapid damit, Zeit, Raum und Ort seines Films zu zersetzen. Szenen häufen sich, die nicht mehr mit unserem Verständnis dieser Begriffe übereinstimmen. Anfangs kaum auffallend, entwickelt sich daraus ein Spiel mit der Irritation – bis alles auseinanderbricht und die Welt von Y. und Yasmin ein Scherbenhaufen ist. Das erinnert tatsächlich an Alain Resnais, der 1961 in Letztes Jahr in Marienbad mit ähnlichen Methoden darum rang, eine – bei ihm nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs – in Scherben liegende Welt wieder zusammenzufügen.
Auch bei Lapid geht es nicht unbedingt immer vordringlich darum, was wir sehen. Denn wer sich hier einzelne Motive herausgreift, um sie in Bezug zum Weltgeschehen zu setzen und darin nach scharfsinnigen politischen Analysen zu suchen, der wird sich sehr schnell in Banalitäten versteigen. Es geht vielmehr darum, wie Nadav Lapid diese überspitzten Motive anordnet, orchestriert und aus ihnen eine vielschichtige Gesamtkomposition schafft.
Dadurch bietet Yes eine Abstraktionsebene an, auf der wir nicht nur Israel und den 7. Oktober betrachten können. Denn die politische und gesellschaftliche Polarisierung und Spaltung, die nach diesem Tag noch zugenommen hat, ist natürlich kein Israel-exklusives Phänomen. Die Welt ist im Umbruch – ob man es nun Vibe Shift, Rechtsruck oder Faschisierung nennen möchte. Liberale Demokratien scheinen längst nicht so stabil und wehrhaft zu sein, wie wir wahrscheinlich lange Zeit ein bisschen zu blind annahmen. Diesen Entwicklungen samt den zugrunde liegenden Mechanismen spürt der Wahl-Pariser Nadav Lapid in seinem Film zwar in seinem Geburtsland Israel nach, verpasst ihnen aber eine universelle Qualität. Yes ist also nicht nur ein Film über sein Land, sondern auch über dein Land, mein Land und den Rest der Welt.
Aber was machen wir nun damit? Wie geht es von hier aus weiter? Darauf antwortet Lapid gleichzeitig mit allem und nichts: Weiter kann es nur mit Liebe und gemeinsam gehen. (kino-zeit.de)