DAS TIEFSTE BLAU
(OmU/DF)O último azul – BRA/MEX/CHL/NL 2025, 86 Min. FSK 6
Regie: Gabriel Mascaro
mit Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socorrás
Eine transformative Reise an den Ufern des Amazonas
Als Tereza (Denise Weinberg) von ihrem letzten Arbeitstag in der Schlachterei heimkehrt, findet sie überraschend einen riesigen Plastikkranz an ihrer Eingangstür angebracht. Eine Beamtin drückt ihr dazu noch eine Medaille in die Hand: Mit ihren 77 Jahren gilt Tereza jetzt offiziell als „lebendiges Nationalheiligtum“. Zeit, die Füße hochzulegen und den Ruhestand zu genießen, zumindest wenn es nach der brasilianischen Regierung geht. Aber Tereza ist noch lange nicht fertig mit dem Leben.
An dieser Stelle könnte sich der Berlinale-Wettbewerbsfilm des Brasilianers Gabriel Mascaro in alle möglichen Richtungen entwickeln: Sozialdrama, Satire, Feelgood-Komödie über eine rüstige Alte, alles wäre drin. Stattdessen wählt der Regisseur den Weg einer Dystopie. Ohne deren Bedingungen allzu konkret auszubuchstabieren, erzählt er von einer Gesellschaft, in der nicht mehr produktive Personen, also Rentner ab einem Alter von 75 Jahren, in ominöse Seniorenkolonien abgeschoben werden. Verkauft wird das Ganze als Maßnahme gegen die Vereinsamung der Alten, aber man munkelt auch, es sei noch nie jemand von dort zurückgekommen. Und nun hat es eben Tereza getroffen: Ihr bleibt eine Woche bis zum Umzug, die Vormundschaft wird schon mal an die Tochter übertragen, die ab sofort jeden kleinen Einkauf ihrer Mutter absegnen muss, und regelmäßige Ausweis-Checks führen dazu, dass ihr bei jedem Tritt aus der Reihe die Polizei im Nacken sitzt.
In seiner Grundprämisse erinnert The Blue Trail entfernt an Xavier Dolans Mommy: auf den ersten Blick ein Coming-of-Age-Drama über ein komplexes Mutter-Sohn-Verhältnis, aber eigentlich die Geschichte eines fiktiven, autoritär regierten Kanadas, das schwer erziehbare Jugendliche in völlig von der Außenwelt abgeschirmte Institutionen einknastet. Beide Filme verstecken ihre dystopischen Elemente im Anschein des Alltäglichen, entwerfen Welten, in denen es leicht fällt, alles Problematische auszublenden, solange man nicht das Pech hat, den targetisierten Minderheiten anzugehören.
In The Blue Trail sind diese Dystopie-Marker etwa die Ausweiskontrollen, das engmaschige Überwachungsnetz, das grassierende Misstrauen, die wohlmeinenden Hinweise, Tereza solle in der Öffentlichkeit lieber ihr graues Haar verstecken. Einige Häuserwände zieren Graffiti: „Alte Menschen sind keine Ware“. Viel konkreter wird es nicht, aber der Film ist immerhin in einem Land entstanden, in dem bis vor Kurzem noch ein neoliberaler Rechtsextremer vier Jahre lang Präsident war — man versteht schon, worum es geht.
Zugleich ist Brasilien ein Land, das zu einem riesigen Teil vom Amazonas-Regenwald bedeckt ist. Endlos verästelte Wasserwege, undurchdringliche Mangrovenwälder und Dschungel, eine Welt voller unentdeckter Arten, Mythen, Geheimnisse. In dieses großes Unbekannte stürzt sich Tereza jetzt. Wann hätte sie es sonst tun sollen? Erst waren da die finanziellen Probleme, die hier offensichtlich jeder hat, dann ein Kind und zwei Jobs gleichzeitig; keine Zeit und keine Ressourcen, um sich private Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Ihre Reise wird zur späten Selbstermächtigung, beginnt als der zaghafte Versuch, vor dem erzwungenen Ruhestand wenigstens noch ein einziges Mal einen Flug zu buchen, und mündet alsbald in eine ausgewachsene Flucht vor den Behörden.
Gabriel Mascaro zeigt uns dieses Abenteuer im vielleicht schönsten Bildformat, das das Kino zu bieten hat, 4:3, das den Blick rahmt und ihm gleichzeitig den Raum zum Schweifen gibt. Blätter, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, moosig überwucherte Skulpturen in einem verlassenen Vergnügungspark, tanzende Goldfische. In The Blue Trail ist die Natur keine wilde Gefahr, sondern ein herrliches Refugium, ein Freiraum, ein ausgleichendes Gegengewicht zum staatlich verordneten Effizienz- und Optimierungswahn.
Dieses Vermögen, eine sehr spezifische und konzentrierte Geschichte zu erzählen und dabei dennoch weit über sich selbst hinauszuweisen, macht The Blue Trail inmitten all des überengagierten Weltverbesserungskinos auf der einen und des therapeutischen Innerlichkeitskinos auf der anderen Seite zu einer der schillerndsten Perlen im bisherigen Berlinale-Wettbewerbsjahrgang. (kino-zeit.de)