Kinoptikum Landshut

EDDINGTON

(OmU/DF)
Cinema Obscure
Do 05.02. 20:30OmU
Sa 07.02. 17:30DF
Di  10.02. 19:00OmU
Sa 14.02. 20:30DF
Mi 18.02. OmU

USA 2025, 148 Min. FSK 16

Regie: Ari Aster
mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone

Grotesker Neo-Western vom dünnen Firnis der Zivilisation

Favorit

Schmerzhafte Verlusterfahrungen, Familientraumata, tiefe Einsamkeit und massive Ängste: Im Einzelnen und mit teilweisen Überlappungen hat US-Regisseur Ari Aster diese seelischen Täler in seinen bisherigen drei Filmen „Hereditary“, „Midsommar“ und „Beau Is Afraid“ erkundet und beeindruckend entsetzliche Horrormomente kreiert. Mit seinem neuestem Werk, dem Neo-Western „Eddington“, greift Aster all diese Themen erneut auf und fügt sie in einem gesellschaftlichen Horror-Panoptikum zusammen, dessen Ausgangslage wohl nicht geeigneter sein könnte: eine amerikanische Kleinstadt in New Mexico zu Beginn der Corona-Pandemie.
Zur titelgebenden Kleinstadt Eddington führt uns der Obdachlose Lodge (Clifton Collins Jr.), der nachts durch die umliegende staubige Felsenlandschaft stolpert und im betrunkenen Singsang über diesen ruchlosen Ort und seine Einwohner schimpft. Er wird schließlich vor einer Bar Halt machen, um sich weiter zu betrinken – doch diese ist Corona-bedingt geschlossen und wird vom vorbildlich masketragenden Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) für ein Treffen der Stadtverwaltung genutzt. Da Lodge vor der Bartür Radau macht, verständigt Ted den Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix), der wiederum kein Verständnis für die von Ted erlassene Maskenpflicht hat.
Schon der erste, aufgebracht durch die Fensterscheibe hindurch geführte Wortwechsel von Joe und Ted lässt auf einen erbitterten Antagonismus zwischen den beiden schließen. Dabei repräsentiert Ted als der hispanischen Minderheit entstammender Bürgermeister, der zudem zu höchster Vorsicht angesichts der gerade aufkommenden Corona-Epidemie aufgerufen hat, das progressiv-liberale Amerika. Der nicht ganz so souverän auftretende Joe, der in Sheriff-Montur samt Stetson das Gesetz weiterhin hüten will wie gewohnt (das heißt, ohne Maske, aber mit Verständnis und Bedacht), wurde von seiner Umgebung zum Konservativ-Rückständigen erklärt, dessen Einsätze bei jeder Gelegenheit via Handy gefilmt und dann online hochgeladen werden. Wenn Joe nach Feierabend heimgeht, erwartet ihn neben seiner psychisch labilen Ehefrau Louise (Emma Stone) auch noch seine verhasste Schwiegermutter Dawn (Deirdre O’Connell), die in das tiefe Rabbit Hole des Verschwörungstheoretikers Vernon (Austin Butler) rund um die angeblich erlogene Corona-Pandemie und angeblich reale Pädophilienetzwerke gefallen ist.
Schon in diesen ersten Szenen zeigt Aster eine erstaunliche Gabe für die detailreiche Darstellung komplexer gesellschaftlicher Gemengelagen und Bewegungen, wie sie im Pandemiejahr 2020 über die USA schrittweise hereinbrachen und bis heute andauern. Dabei deutet Eddington darauf, dass den politisch motivierten Konflikten, wie sie zwischen einzelnen Einwohnern von Eddington zuhauf stattfinden, zunächst persönliche Verflechtungen vorausgegangen sind. So sprechen es Joe und Ted einander gegenüber niemals aus, aber zwischen Ted und Louise hatte sich einst eine Beziehung angebahnt, deren Scheitern wohl mit Louise‘ psychischem Zustand zusammenhängt. Joes mit einem grandios atmosphärischem Western-Score von Bobby Krlic und Daniel Pemberton unterlegte Animosität gegenüber Ted wird dann aber wiederum vom Persönlichen zurück ins konkret Politische überführt, als er beschließt, selbst als Bürgermeister zu kandidieren.
Mit dieser Entscheidung schlägt Joe unbemerkt einen Weg ein, der die sich ohnehin schon abzeichnenden Risse in seinem Leben und im gesellschaftlichen Gefüge von Eddington weiter vorantreibt. Denn zum Streit über den Umgang mit Corona gesellen sich bald schon lautstark und eskalativ geführte „Black Lives Matter“-Proteste einer durchweg weißen Kleinstadtjugend, die sogar den Schwarzen Deputy-Sheriff Michael (Micheal Ward) als „Nazi-Cop“ betrachtet. Joes Überforderung hiermit und seine zunehmend unglückliche Ehe mit Louise, die sich nun auch dem Verschwörungstheoretiker Vernon zuwendet, führen wiederum in einen seinerseits erbittert und mit drastischen Worten geführten Wahlkampf, der in schockierende Taten mündet.
Auch wenn Eddington ähnlich wie Beau is Afraid in seinem brutalen Showdown surreal auszufransen droht und sich bisweilen schwertut, zum Abschluss zu finden, ist Aster mit diesem reflektierten Pandemie-Western eine sehr wagemutige Abhandlung über eine zutiefst fragmentierte Gesellschaft gelungen. Dabei wirft dieses nur bedingt satirische Horror-Drama unangenehme Fragen zu den destruktiven Aspekten politischer wie persönlicher Lager-bildungen auf. Und dies ist sowohl im Rückblick auf die Pandemiezeit als auch im Hinblick auf unsere politisch zerklüftete Gegenwart von äußerstem Belang. (kino-zeit.de)

Land/Jahr: 
USA 2025
Länge:
148 Min.
Regie:
Ari Aster
Darsteller:
Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone