22 BAHNEN
D 2025, 102 Min. FSK 12
Regie: Mia Meyer
mit Luna Wedler, Zoë Baier, Laura Tonke
Die hochgelobte Bestsellerverfilmung um zwei Schwestern
Mit ihrem Debütroman „22 Bahnen“ gelang der Schriftstellerin Caroline Wahl im Jahr 2023 ein großer Erfolg. Die Coming-of-Age-Story erhielt überwiegend positive Kritiken, avancierte zum Bestseller und wurde vielfach ausgezeichnet. Die Drehbuchautorin Elena Hell hat das Werk adaptiert. Mit Mia Maariel Meyer hat sich nun eine Regisseurin des Stoffes angenommen, die bereits in ihren Arbeiten „Treppe aufwärts“ (2015) und „Die Saat“ (2021) ein sehr feines Gespür für Charakterdramen beweisen konnte.
Wir lernen die Protagonistin Tilda (Luna Wedler) dort kennen, wo sie sich am wohlsten fühlt: im Freibad. Es regnet; ihre jüngere (Halb-)Schwester Ida (Zoë Baier) ist bei ihr. Die beiden seien „ein intakter Organismus“, sagt uns Tilda via Voiceover. Meyer und ihr Kameramann Tim Kuhn erzeugen wuchtige Bilder, um die Lebenswelt der Heldin unter Wasser und an der Oberfläche zu visualisieren. Wahls ausdrucksstarke Sprache findet dadurch eine adäquate Übertragung auf die Kinoleinwand.
Direkt nach diesem Auftakt zeigt uns der Film, weshalb das perfekt funktionierende Miteinander zwischen den zwei Geschwistern doch immer wieder aus dem Gleichgewicht gerät: Die gemeinsame Mutter (Laura Tonke) ist alkoholabhängig. Als die beiden nach Hause kommen, hat die Mutter gerade versehentlich einen Brand in der Küche verursacht. Ein Stoffbeutel, gefüllt mit etlichen leeren Flaschen, genügt als Hinweis. „Tildchen, ich mach das schon!“, ruft die Mutter. Aber rasch wird klar: Tilda ist oft gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen. Wiederholte Beteuerungen, dass von jetzt an alles besser werde, haben längst ihre Glaubwürdigkeit verloren.
Das Skript benötigt kaum Rückblenden oder erklärende Worte, um begreiflich zu machen, dass Tilda bereits viele Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden hinter sich hat. Im Mathematikstudium hat sie ihre Erfüllung gefunden („Mathe schafft Ordnung“), ein Job an der Supermarktkasse sorgt fürs Überleben. Als ihr eine Promotionsstelle in Berlin nach ihrem Masterabschluss in Aussicht gestellt wird, muss sie jedoch eine Entscheidung treffen. Kann sie Ida in der Kleinstadt bei ihrer Mutter zurücklassen?
Das Verhältnis zwischen den zwei Schwestern ist der emotionale Kern der Geschichte. Wenn die beiden den melancholischen und zugleich ermutigenden Tokio-Hotel-Hit Durch den Monsun miteinander singen, ist das ein unfassbar schöner Moment, der die richtige Balance zwischen der Sehnsucht nach Kitsch und dem Erfassen der Realität findet. Luna Wedler verkörpert Tilda absolut glaubhaft.
An einer Stelle lesen die Schwestern zusammen mit ihrer Mutter Die Tribute von Panem. Ida idealisiert dabei ihre große Schwester, die sich für sie doch gewiss ebenso freiwillig für die „Hungerspiele“ melden würde, wie es die furchtlose Romanfigur Katniss Everdeen tut. Aber Tilda ist keine tapfere, selbstlose Kriegerin – und sollte es auch gar nicht sein müssen. 22 Bahnen wirkt authentisch, ist voller Empathie und durchdrungen von dem Wunsch, als junger Mensch einfach frei sein zu dürfen. (kino-zeit.de)