Kinoptikum Landshut

EIN EINFACHER UNFALL

(OmU/DF)
Kino Nahost
Do 26.02. DF
Sa 28.02. OmU
Mo 02.03. DF
Mi 04.03. OmU

Un simple accident – IRN/F/LUX 2025, 101 Min. FSK 16

Regie: Jafar Panahi
mit Madjid Panahi, Ebrahim Azizi, Vahid Mobasseri

Aufwühlende Traumabewältigung und Parabel vom Leben im Gottesstaat

Favorit

Im letzten Jahr war es Mohammad Rasoulofs in der Illegalität gedrehter Film „Die Saat des heiligen Feigenbaums“, der spät im Wettbewerb an der Croisette zu sehen war und der das Publikum und die Filmkritik begeisterte, in diesem Jahr sich mit „It Was Just An Accident“ seines Kollegen Jafar Panahi Ähnliches zu wiederholen. Auch dieser Film entstand ohne Wissen und Erlaubnis der Behörden im Iran, und ähnlich wie Rasaoulof stand Panahi wiederholt unter Anklage und hat bereits mehrere Gefängnisaufenthalte hinter sich. Die letzte übrigens, weil er gegen die Verhaftung von Rasoulof protestierte — was ihn aber ebenso wie seinen Kollegen nicht davon abhält, unermüdlich weiter die Lage in der Islamischen Republik filmisch festzuhalten. Rasoulof, das sorgte letztes Jahr in Cannes für einiges Aufsehen, weil die Flucht kurz vor der Premiere an der Croisette erfolgte, lebt mittlerweile in Deutschland, Panahi (noch) in seiner Heimat. Sein neuestes Werk wird allerdings seine Situation dort nicht gerade verbessern. Denn ähnlich wie „Die Saat des Heiligen Feigenbaums“ ist auch „It Was Just An Accident“ eine sehr deutliche Kritik an den Methoden des Gottesstaates und seiner Schergen.
Der Film beginnt mit einem nächtlichen Unfall, bei dem ein Mann namens Eqbal (Ebrahim Azizi), der mit seiner hochschwangeren Frau und seiner Tochter im Auto unterwegs ist, einen Hund überfährt. Durch die Kollision hat auch das Fahrzeug einen Schaden erlitten, und wenig später bleibt das Fahrzeug liegen. In einer nahegelegenen Garage bietet ihm Vahid (Vahid Mobasseri), den Schaden zu beheben und erschrickt, als er ein Detail hört, das ihn an etwas erinnert: Eqbal trägt eine Beinprothese und deren charakteristisches Quietschen hört sich genau so an wie die Schritte seines Peinigers in einem Gefängnis, dessen brutale Foltermethoden sein Leben zerstört haben. Hat er ihn endlich gefunden, den Mann, den er niemals gesehen hat, weil er stets bei den brutalen Verhören eine Augenbinde trug?
Vahid folgt dem Mann auf Schritt und Tritt, überwältigt ihn schließlich und will ihn schon lebendig in der Wüste begraben, als ihm doch Zweifel kommen. Vielleicht täuscht er sich ja? Verunsichert von Eqbals Unschuldsbeteuerungen wendet er sich an einen befreundeten Buchhändler, der ihn wiederum an weitere Folteropfer aus dem selben Knast verweist. Und so kommen die Fotografin Shiva (Mariam Afshari) hinzu, das Hochzeitspaar Goli (Hadis Pakbaten) und Ali (Majid Panahi) und der aufbrausende Arbeiter Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr). Gemeinsam mit dem gefesselten Eqbal fahren sie in Vahids Van durch die Gegend und versuchen sich Klarheit zu verschaffen, ob sie wirklich den richtigen gefunden haben und so endliche Rache üben können für das, was ihnen angetan wurde. Doch ihr fahrender Untersatz wird für sie immer mehr selbst zum Gefängnis.
Sicher, It Was Just An Accident ist auf Grund seiner Thematik überwiegend schwere Kost, doch erstaunlicherweise gelingen Panahi immer wieder Szenen und Motive, die den Lauf der Geschichte auflockern. Als beispielsweise zwei Sicherheitskräfte auftauchen, denen der Van und seine Besatzung verdächtig vorkommt, bieten sie ganz nebenbei an, dass man das Ganze auch auf sich beruhen lassen könne, wenn man bereit sein, ein wenig Geld zu zahlen. Weil in diesem Moment niemand Bargeld dabei hat, zücken, sie, auf alles vorbereitet, ein Kartenlesegerät. Überhaupt die Sache mit dem Geld: Immer wieder im Verlauf der Fahrt ist es ausgerechnet der arme Vahid, der Geld auslegen muss, der unfreiwillig der gebärenden Frau des Entführten im Krankenhaus hilft und schließlich sogar die traditionellen Geschenke zur glücklichen Niederkunft besorgt.
Die durchaus nicht homogene Schicksalsgemeinschaft, die immer wieder in Streit über das weitere Vorgehen gerät, gleicht bei ihrer Odyssee durch Stadt, Land und Wüste immer mehr einen modernen Version eines absurden Theaterstücks, was ihnen selbst in der Einöde auffällt, die haargenau dem entspricht, wie man sich ein Bühnenbild für Becketts Feier des Absurden und der Sinnlosigkeit vorstellt. So steht schließlich auch bald die Frage im Raum, ob ihr ganzes Handeln, ihr Streben nach Rache, irgendeinen Sinn hat, irgendetwas wiedergutmacht, irgendwelche Wunden heilen kann. Und letztlich auch um die Frage: Kann man der Inhumanität eines totalitären Regimes als Einzelner mit der gleichen Rigorosität entgegentreten — oder ist nicht vielleicht doch die Bewahrung von (Mit-)Menschlichkeit der bessere Weg?
Jafar Panahis emotional aufwühlende Tour de force ist nicht mehr ausschließlich als Parabel auf die Zustände in seiner Heimat zu verstehen, sondern auch als Suche nach einem moralischen Kompass für die direkte Konfrontation mit den Autoritäten. Angesichts dessen, was ihm bereits jetzt widerfahren ist, und der Brutalität, mit der das Aufbegehren des eigenen Volkes immer noch niedergeschlagen wird, ist dieser Film ein beispielloses Fanal von ungeheurem Mut und Behauptungswillen eines Regisseurs, an dem sich viele anderen ein Beispiel nehmen sollten. Und zieht man dann noch die Umstände in Betracht, unter denen der Film entstand, muss man das Ergebnis in seiner Offenheit und seiner ausbalancierten Nuanciertheit noch einmal höher einschätzen. (kino-zeit.de)

Originaltitel: 
Un simple accident
Land/Jahr: 
IRN/F/LUX 2025
Länge:
101 Min.
Regie:
Jafar Panahi
Darsteller:
Madjid Panahi, Ebrahim Azizi, Vahid Mobasseri