EIN TAG OHNE FRAUEN
Internationaler Frauentag
The Day Iceland Stood Still – USA/ISL 2024, 71 Min. FSK 0
Regie: Pamela Hogan, Hrafnhildur Gunnarsdottir
am Fr , den 06.03.: Grußwort von Anja Wessely (DGB) und Filmgespräch
Vom großen Streik und dem Tag als Island still stand
Heute gilt Island als einer der besten Orte der Welt, um eine Frau zu sein. Wenn es um die Gleichstellung der Geschlechter geht, zählt die Inselrepublik zu den fortschrittlichsten Ländern der Erde. Das war nicht immer so. Der Grundstein für diesen politischen Fortschritt wurde 1975 durch einen landesweiten Frauenstreik gelegt. An jenem Freitag nahmen 90 Prozent der isländischen Frauen einen Tag frei und legten das öffentliche Leben lahm. Wie es dazu kam, das rekapituliert der kurzweilige Dokumentarfilm „Ein Tag ohne Frauen“ der US-Regisseurin Pamela Hogan.
„Es war wahrscheinlich der bedeutendste Augenblick in meinem Leben, abgesehen von meinen Babys“, sagt eine der Frauen, die an dem Streik am 24. Oktober 1975 teilnahmen, im Rückblick. Eine Gesinnungsgenossin ergänzt: „Wir zeigten ihnen, dass wir diese Gesellschaft zum Stillstand bringen können, in dem wir vor die Tür gehen.“ Man sieht beiden den Stolz auf das Erreichte an, ihre Augen strahlen, wenn sie an die Euphorie zurückdenken, die das einzigartige Erlebnis eines erfolgreichen kollektiven Aufbruchs auslöste. Schließlich brachten die Organisatorinnen an jenem Freitag die größte Versammlung der isländischen Geschichte zustande.
Am 24. Oktober 1975, den die Vereinten Nationen zum Tag der Frau erklärten hatten, standen in Island praktisch alle Räder still. Die Geschäfte blieben geschlossen, die Küchen blieben kalt, die meisten Schulen standen leer, viele Flugverbindungen wurden gestrichen. Und die Streikenden brachten ihre Kinder zu den Arbeitsstellen ihrer Männer. Tausende Frauen aus allen Landesteilen versammelten sich auf dem Laekjartorg-Platz am Hafen der Hauptstadt Reykjavík. Die streikenden Frauen wollten nicht länger hinnehmen, dass ihre Arbeit in Betrieben und Familien nicht wahrgenommen oder ernstgenommen wurde, dass ihre Stimmen nicht gehört wurden und ihnen der Zugang zu wichtigen Bereichen der Gesellschaft verwehrt blieb, ganz zu schweigen davon, dass sie für die gleiche Arbeit oft deutliche niedrigere Löhne erhielten als ihre männliche Kollegen. Der massive Frauenstreik fand ein weltweites Medien-Echo und ging dank der enormen Massenmobilisierung in die Geschichte ein.
Das Drehbuch zu dem Dokumentarfilm schrieb die Emmy-prämierte US-Regisseurin und erfahrene Produzentin Pamela Hogan mit Hrafnhuldur Gunnarsdóttir, die als 7-Jährige ihre Mutter zum Streik begleitet hatte. Gemeinsam lassen sie 50 Jahre nach den denkwürdigen Ereignisse etliche der mutigen Protagonistinnen zu Wort kommen, erläutern die Vorgeschichte und zeigen die Bedeutung der Protestaktion für die Stärkung der Emanzipation und der Frauenrechte auf. Die älteren Damen blicken zumeist mit der milden Gelassenheit des Alters und zuweilen mit Humor auf die Revolte, die seinerzeit bei vielen konservativen Frauen auf Skepsis und beim männlichen Geschlecht auf Ablehnung stieß. Denn viele Männer befürchteten, die aufsässigen Frauen wollten die Macht im Land übernehmen. „Wir liebten unsere chauvinistischen Schweine“, erinnert sich Vilborg Dagbjartsdóttir, „wir wollten sie nur ein wenig verändern.“
Einige radikalere Aktivistinnen machten auch vor Provokationen nicht Halt, um auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen. So brachten sie eine weiße Kuh zu einem Festsaal in Akranes, um einen Schönheitswettbewerb für junge Frauen zu sprengen. Mit Erfolg. Im Nachhinein berichtet Eiríkur Gudjónsson, der damals mit 18 Jahren wahrscheinlich der einzige Mann in der Rotstrumpf-Bewegung war: „Das war das Ende aller Schönheitswettbewerbe für mehr als zehn Jahre in Island.“
Die zahlreichen Statements der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen werden ergänzt durch historische Schwarzweiß-Aufnahmen und –Fotos sowie farbenfrohe Animationen, die zuweilen direkt an Frauen in den Fotos oder Filmsequenzen anknüpfen. Dazu kommen Impressionen von der felsigen Küste, verschneiten Bergen, ausbrechenden Vulkanen und aus der Hauptstadt, die die wortlastigen Erinnerungen der Beteiligten auflockern.
Der Film begnügt sich nicht darauf, die Arbeitsniederlegung als singuläre, isolierte Aktion zu schildern, sondern erklärt auch die Vorgeschichte und beleuchtet parallele Entwicklungen in anderen Ländern. Die isländischen Frauen ließen sich zum Beispiel von feministischen Demonstrationen in Ländern wie den Niederlanden, Australien, den USA, Norwegen oder Schweden inspirieren. Ein wichtiges Vorbild war zudem die Rotstrumpfbewegung aus Dänemark. So kamen isländische ‚Rotstrümpfe‘ am 1. Mai, dem Tag der Arbeit, in Reykjavík zusammen und riefen: „Wir wollen Gleichheit mit den Männern.“
Der aufschlussreiche Film endet mit einem positiven Fazit. Die legendäre Frauenversammlung in der Hauptstadt findet seit 1975 jedes Jahr statt. Die ursprüngliche Aktion stelle einen historischen Einschnitt dar, betont Styrmir Gunnarsson, ein ehemaliger leitender Redakteur der größten isländischen Tageszeitung und einer der wenigen Männer, die im Film zu Wort kommen. Er sagt heute: „Ich glaube nicht, dass wir damals erkannt haben, dass Geschichte geschrieben worden war. Das haben wir erst viel später erkannt.“
Die Frauenbewegung hat über die Jahre viel erreicht. So wurde Vigdís Finnbogadóttir 1980 die erste demokratisch gewählte Staatspräsident der Welt und amtierte 16 Jahre. 1982 wurde Gudrún Erlensdóttir als erste Frau an den Gerichtshof berufen und später die erste Oberste Richterin des Landes. „Heute besteht das Parlament zu 48 Prozent aus Frauen, eine der höchsten Quoten der Welt“, heißt es am Ende des Films. Und doch setzen sich isländische Frauen noch immer dafür ein, die volle Gleichberechtigung zu erreichen. (kino-zeit.de)