Kinoptikum Landshut

NO OTHER CHOICE

(OmU/DF)
Cinema Obscure
Do 26.03. 20:30OmU
Sa 28.03. 18:00DF
Di  31.03. 19:00OmU
Fr  03.04. 20:30DF

Eojjeol suga eopda – ROK 2025, 139 Min. FSK 16

Regie: Park Chan-wook
mit Lee Byung-hun, Yeom Hye-ran, Son Ye-jin

Eine hochpolierte, schwarze Komödie mit präzisem Blick

NO OTHER CHOICE

Park Chan-wooks „No Other Choice“ ist ein Werk, das auf allen Ebenen wirkt: formal, psychologisch und gesellschaftlich. Nach den fiebrig-erotischen Exzessen von „Die Taschendiebin“ und der melancholischen Präzision von „Die Frau im Nebel“ widmet sich der Regisseur diesmal einem Stoff, der zugleich bitterernst und abgründig komisch ist. Grundlage ist Donald Westlakes Roman The Ax, bereits von Costa-Gavras adaptiert, nun aber von Park in die koreanische Gegenwart übertragen: eine Überschreibung, die die Aktualität des Stoffes unterstreicht und ihn in ein radikal anderes kulturelles Koordinatensystem stellt. Herausgekommen ist eine schwarze Komödie, die ebenso verstört wie amüsiert und die auf beklemmende Weise den Geist der Gegenwart einfängt.
Die Prämisse scheint simpel: You Man-su (Lee Byung-hun), ein gutbürgerlicher Familienvater, verliert nach Jahrzehnten seine Anstellung in einer Papierfabrik, die von einem US-Konzern übernommen wird. Was als kurze Arbeitslosigkeit beginnt, zieht sich über mehr als ein Jahr. Die Familie muss sparen, das Haus verkaufen, auf alltägliche Selbstverständlichkeiten verzichten. Unter wachsendem Druck entwickelt Man-su einen mörderischen Plan: Er beginnt, potenzielle Mitbewerber für offene Stellen auszuschalten, überzeugt davon, dass es buchstäblich „keine andere Wahl“ mehr gibt. Park legt diese Eskalation nicht als naturalistischen Thriller an, sondern als groteske Satire, in der die Gewalt nie glamourös, sondern absurd, slapstickhaft und zugleich erschreckend plausibel wirkt. Schon das eröffnende Bild, die vermeintlich perfekte Familie beim Grillen im makellos gepflegten Garten, begleitet vom Adagio aus Mozarts Klavierkonzert Nr. 23, verdeutlicht die Ironie: ein Idyll, das sich rasch in eine Farce verwandelt. Das Glück ist brüchig, der Absturz unausweichlich.
Mit solcher Zuspitzung baut Park von Anfang an eine doppelte Ebene auf: das Komische und das Tragische, die stets ineinander verschränkt sind. Sein Humor ist beißend, oft schmerzhaft und macht die Verzweiflung des Protagonisten nur umso deutlicher. Thematisch bewegt sich No Other Choice zwischen Kapitalismuskritik, Familiendrama und psychologischer Studie. Park interessiert sich nicht allein für die ökonomischen Zwänge eines entfesselten Marktes, sondern ebenso für die Erosion des Selbstwerts, für den Stolz, die Scham und die brüchige Männlichkeit seines Helden. Dass Man-su kein brillanter Verbrecher ist, sondern ein unbeholfener, fast tölpelhafter Täter, verleiht der Figur Tiefe. Lee Byung-hun balanciert zwischen Tragik und Komik, spielt Man-su einerseits lächerlich, andererseits erschreckend nachvollziehbar. Gerade diese Ambivalenz, die Weigerung, den Protagonisten klar zu verurteilen oder zu rehabilitieren, ist eine der großen Stärken des Films.
Formal ist No Other Choice ein Höhepunkt in Parks Werk. Die Kamera findet überraschende Perspektiven, Montage und Überblendungen schaffen visuelle Brücken zwischen Realität, Erinnerung und Fantasie. Besonders in den Mordsequenzen steigert Park die Spannung durch unvorhersehbare Schnitte, schrille musikalische Einsätze und groteske Übertreibungen. Klassische Musik trifft auf koreanischen Pop, Pathos auf Klamauk: ein irritierender, aber faszinierender Kontrast, der die Zerrissenheit der Hauptfigur spiegelt. Dabei bleibt die Inszenierung stets präzise, beinahe ökonomisch. Keine Szene ist überflüssig, der Rhythmus treibt den 140 Minuten langen Film unaufhaltsam voran.
Wie schon Bong Joon-ho in Parasite zeigt Park, wie sich aus einer überspitzten, fast absurden Ausgangslage universelle Wahrheiten über gesellschaftliche Ungleichheit entwickeln lassen. Doch während Bong mit bittersüßer Eleganz arbeitet, setzt Park stärker auf groteske Übersteigerung. Dass er am Ende sogar auf die Bedrohung durch künstliche Intelligenz verweist, zeigt, wie sehr es ihm um die Gegenwart und Zukunft der Arbeitswelt geht. In dieser Hinsicht ist No Other Choice nicht nur Satire, sondern auch Warnung: Wer heute über Man-su lacht, könnte sich morgen selbst in seiner Lage befinden. Im Vergleich zu Parks früheren Arbeiten wirkt der Film weniger labyrinthartig als Die Frau im Nebel und weniger exzessiv als Oldboy, dafür aber klarer in seiner satirischen Zuspitzung. Nicht jede Szene sitzt, manche Passagen brauchen Anlauf, bis die eigentliche Dynamik einsetzt, doch sobald der Plot Fahrt aufnimmt, ist der Sog unwiderstehlich.
No Other Choice ist ein verstörend-komisches Porträt von Verzweiflung im Angesicht ökonomischer Zwänge, ein formvollendetes, visuell brillantes Werk, das die Handschrift seines Regisseurs unverkennbar trägt. Nicht alles ist vollkommen geglückt, manches wirkt zu kalkuliert oder verliert kurzzeitig an Schärfe, doch der Film überzeugt durch Wucht, Präzision und Relevanz. (kino-zeit.de)

Originaltitel: 
Eojjeol suga eopda
Land/Jahr: 
ROK 2025
Länge:
139 Min.
Regie:
Park Chan-wook
Darsteller:
Lee Byung-hun, Yeom Hye-ran, Son Ye-jin