HERZ AUS EIS
(OmU/DF)Cinema Obscure
La Tour de Glace – F/D 2025, 118 Min. FSK 12
Regie: Lucile Hadzihalilovic
mit Marion Cotillard, Clara Pacini, August Diehl, Gaspar Noé
Ein delirierender Bilderrausch von klirrender Schönheit
Wie bereits in ihren vorherigen Filmen Evolution (2015) und Earwig (2021) entführt Lucile Hadžihalilović in ihrem neuesten Film „The Ice Tower“ ihr Publikum in ein dunkles Zwischenreich zwischen Wirklichkeit und Fantasie, in Bilderwelten, die an Vorbilder im vorwiegend europäisch geprägten Genrekino der 1970er Jahre und an die teils avantgardistischen Märchenverfilmungen tschechoslowakischer und sowjetrussischer Provenienz der gleichen Epochen denken lassen.
Insofern ist es nur folgerichtig, dass The Ice Tower ebenfalls in diesem Jahrzehnt angesiedelt ist — in einer Zeit also, als das Kino noch Leitmedium war und digitale bzw. virtuelle Welten noch undenkbar waren. Wobei diese zeitliche Verordnung nun keinesfalls bedeutet, dass Hadžihalilovićs Blick ein verklärender und beschönigender ist, sondern ein allenfalls schwarz-romantischer, der sich vor allem für die Abgründe und finsteren Seiten seiner Figuren und ihrer Geschichten interessiert.
Auch die 16-jährige Waise Jeanne (Clara Pacini), die in einem Kinderheim in den Savoyen lebt und dort ein eher freudloses Dasein führt, ist fasziniert von Bildern: Die Postkarte einer nächtlich beleuchteten Eisbahn in einer benachbarten Stadt pflanzt ihr die Sehnsucht ein, der Enge des Heims zu entfließen, das Märchen der Schneekönigin, das sie den anderen Kindern im Heim vorliest, erzeugt fieberhafte Träume von dieser wunderschönen und kaltherzigen Herrscherin über ein Reich aus Eis und Schnee.
Und so entflieht Jeanne eines Tages, macht sich auf den Weg in die Stadt und findet prompt die Eisbahn, wo eine gewandte Läuferin ihre Aufmerksamkeit erregt. Auf der Suche nach einem Schlafplatz findet sie in einem Keller einen Platz für sich, der sich später als Filmset entpuppt, an dem eine filmische Adaption von Die Schneekönigin gedreht wird. Und dort begegnet sie auch der kapriziösen Filmdiva Cristian van den Beerg (Marion Cotillard), die das Waisenmädchen unter ihre Fittiche nimmt, ihr zu einem Einsatz als Lichtdouble und später sogar zu einer kleinen Rolle verhilft. Doch ähnlich wie die Schneekönigin selbst, ist auch Cristina eine fordernde Herrscherin über das Filmset, wer sie liebt, muss bereit sein, sich buchstäblich für sie aufzuopfern.
The Ice Tower ist kein Film, der es seinem Publikum leicht macht: In zerdehntem Tempo mit überwiegend in schwarzbraun gehaltenen Bildern voller Düsternis, die dann von eiskalt anmutenden, in fast schon schmerzhaftem Weiß und Blau gehaltenen Sequenzen abgelöst werden, atmet in jeder Szene Abgründigkeit und Schwere. Liebe und Leidenschaft sind hier keine Emotionen der Leichtigkeit und der Freude, sondern grausame Empfindungen, die nur demjenigen zuteilwerden, der bereit ist, sich zu opfern. Ein Märchen ist The Ice Tower zwar, aber definitiv keines für Kinder.
Wenn man sich aber auf diese delirierende Dunkelheit, auf die labyrinthischen Räume, auf die verrätselte Symbolhaftigkeit einlassen kann, in der Raben ebenso eine große Rolle spielen wie verführerisch funkelnde Kristalle aus dem Kostüm der Schneekönigin, entpuppt sich The Ice Tower als Kinokunstwerk, wie man dies bisher selten im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zu sehen bekam. Ähnlich wie Reflections of a dead diamond stützt sich auch dieses Werk auf eine ästhetische Tradition, auf fast schon verlorene geglaubte Tugenden des marginalisierten europäischen Genrekinos und belebt diese nicht nur neu, sondern nutzt diese auch, um über die Verführungskraft des Films und jeder Fiktion nachzusinnen. Und bei aller Faszination, die in jedem Bild, jeder Szene deutlich spürbar ist, behält die Regisseurin zugleich auch die Gefahren im Blick, die entstehen, wenn man der Macht der Bilder verfällt.
The Ice Tower schließt sich stilistisch wie erzählerisch nahezu nahtlos an die bisherigen Filme von Lucile Hadžihalilović an. Nun aber, so scheint es, ist die Zeit gekommen, in der ihre Visionen, ihre ganz eigene Art des Filmemachens endlich die Wertschätzung bekommt, die sie verdient. (kino-zeit.de)