ONCE UPON A TIME IN GAZA
(OmU/DF)Kino Nahost
D/F/POR/PS 2025, 87 Min. FSK 12
Regie: Tarzan Nasser, Arab Nasser
mit Nader Abd Alhay, Majd Eid, Ramzi Maqdisi
Eine ebenso spitzbübische wie politische Ballade aus Nahost
on Politik lässt sich manchmal am besten auf indirekte Art erzählen: als Grundierung, auf die die eigentliche Geschichte aufgetragen wird. Zumindest Arab und Tarzan Nasser machen das so. Die zwei in Gaza geborenen Zwillingsbrüder setzen der harten Realität ihres Herkunftsorts märchenhafte Filme entgegen – und arbeiten auf diese Weise an ihrem ganz persönlichen „Gazawood“. Auf „Gaza mon amour“ über die frisch aufgeblühte Liebe eines alten Fischers zu einer gleichaltrigen Schneiderin folgt mit „Once Upon a Time in Gaza“ nun eine Tragikomödie über die platonische Liebe zweier Kleinganoven. Schlitzohrig, spitzbübisch und politisch geht es auch darin zu.
Gaza im Jahr 2007: Mit Politik haben der Student Yahya (Nader Abd Alhay) und der Restaurantbesitzer Osama (Majd Eid) nicht viel am Hut. Zwar sind auch sie – wie alle in Gaza – von Terror und Politik der Hamas, von Israels Reaktionen und von den Vermittlungsversuchen der Weltöffentlichkeit betroffen, das tagtägliche Über-die-Runden-Kommen lässt aber kaum Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Yahya hat den Traum, den Rest seiner Familie irgendwann einmal im Westjordanland besuchen zu können, längst aufgegeben und jobbt stattdessen in Osamas Restaurant. Das Lokal dient allerdings nur als Fassade. Dahinter verbergen sich die wahren und ziemlich krummen Geschäfte.
Wie in Christian Züberts Kultkomödie Lammbock (2001) über einen als Pizzalieferdienst getarnten Cannabishandel gibt es auch in Osamas Restaurant ein illegales Extra. Der selbstbewusste Besitzer dealt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, die er sich beim Arzt erschleicht und in Falafelsandwiches versteckt an seine Kunden bringt. Wie all das über die Bühne geht, setzen die Nasser-Brüder gewohnt witzig in Szene. Vom korrupten Polizisten Abou Sami (Ramzi Maqdisi) geduldet, blüht das Geschäft. Doch als Osama einen Deal des schäbigen Ordnungshüters ausschlägt, kommt es zur Katastrophe – und der Film nimmt eine unerwartet harte Wendung.
„Mit unserem Film versuchen wir, Gaza durch eine andere Linse zu zeigen als die des verzerrten Bildmaterials, das so oft aus der Region kommt“, sagen die Zwillinge über Once Upon a Time in Gaza. „Wir wollen ein authentisches Porträt unserer Stadt zeichnen, eines, das frei ist von den Stereotypen und Übertreibungen, die längst zum akzeptierten globalen Narrativ geworden sind.“ Was in der ersten Hälfte ihres neuen Films, der in Jordanien gedreht wurde, weil in Gaza nicht gedreht werden konnte, zweifelsohne gelingt. In diesem vom tristen Alltag voller kleiner und großer Tricksereien geprägten Teil erinnert das „Once Upon A Time“ des Titels denn auch weniger an das „Es war einmal“ eines Märchens und mehr an Filme wie Spiel mir das Lied vom Tod (englischer Titel: Once Upon a Time in the West), Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America) und Once Upon a Time in Anatolia, auf die Arab und Tarzan Nasser in einem Interview selbst verweisen. Mit der harten Wendung kommt es allerdings auch erzählerisch zu einem Bruch.
Im Grunde haben Arab und Tarzan Nasser, die mit bürgerlichen Namen Ahmed und Mohamed Abunasser heißen, mit Once Upon a Time in Gaza nicht einen, sondern gleich mehrere Filme gedreht. Kreist der erste Teil um den Alltag zweier liebenswerter Drogendealer, versteigt sich der zweite in ein immer absurdere Züge annehmendes Aufstiegsmärchen. Von einem Regisseur entdeckt, wird Yahya vom Falafelverkäufer zum Filmstar, verkauft dabei aber auch seine Seele. Im ersten offiziellen Actionfilm aus Gaza steht der desillusionierte Träumer als Widerstandskämpfer gegen die israelische Besatzung vor der Kamera, erlebt jedoch aufgrund einer makaberen Pointe das Ende der Dreharbeiten nicht und wird schließlich als Märtyrer begraben. Abseits dieser ironisch gebrochenen Erfolgsstory ist der zweite Teil von Once Upon a Time in Gaza auch ein Film im Film und über das Filmemachen. Wodurch der Film selbst zu einer seltsamen metafiktionalen Melange mutiert. (kino-zeit)