EXTRAWURST
D 2025, 100 Min. FSK 12
Regie: Marcus H. Rosenmüller
mit Hape Kerkeling, Fahri Yardım, Christoph Maria Herbst
„Der Gott des Gemetzels“ im urdeutschen Tennisheim
Die Jahreshauptversammlung des Tennisclubs Lengenheide verläuft wie immer reibungslos unter der Leitung des Dauervorsitzenden Heribert (Hape Kerkeling). Am Schluss wird noch der Kauf eines neuen, größeren Grills, den der stellvertretende Vorsitzende Matthias (Friedrich Mücke) ausgesucht hat, beschlossen. Heribert will die Sitzung beenden – aber halt, da meldet sich Melanie (Anja Knauer) und beantragt einen zweiten Grill für die muslimischen Vereinsmitglieder, weil sie ja kein Schweinefleisch essen dürfen. Es gibt nur ein solches Mitglied, nämlich ihren türkischstämmigen Doppelpartner Erol (Fahri Yardim), dem die Sache aber eher unangenehm zu sein scheint.
Melanie lässt nicht locker, Matthias weist ihr Ansinnen zurück, ihr Mann Torsten (Christoph Maria Herbst) findet, Matthias habe Erol gerade mit dem Wort „Türkenwurst“ beleidigt. Im Vereinslokal wird es laut, das Thema polarisiert und der genervte Heribert geht mit den vier Kontrahent*innen in die Halle, um sie ins Gebet zu nehmen. Doch dort kocht der Streit erst so richtig hoch. Schon in ihrem gleichnamigen, erfolgreichen Bühnenstück haben die beiden Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob (Serie Stromberg) den allgemeinen Niedergang der Debattenkultur aufs Korn genommen. Von ihnen stammt nun auch das Drehbuch für die Verfilmung unter der Regie von Marcus H. Rosenmüller (Beckenrand Sheriff, Pumuckl und das große Missverständnis).
Ähnlich wie schon in Roman Polanskis Erfolgskomödie Der Gott des Gemetzels, die ebenfalls auf einem Theaterstück basierte, eskalieren in der kammerspielartigen Komödie Meinungsverschiedenheiten, Masken fallen. Die Charaktere geben zum Teil kulturchauvinistische und rassistische Ansichten zum Besten, die dem Publikum einen satirischen Spiegel vorhalten. Sie äußern, wie bereits der Titelheld der Monsieur-Claude-Filmreihe, Vorurteile und Klischees, die den meisten peinlich sind, vielen aber nicht fremd. In seiner realitätsnahen Beobachtung alltäglicher Meinungsfronten in einer Gesellschaft, die sich diverser gibt, aber nicht unbedingt toleranter geworden ist, ähnelt Extrawurst auch der Komödie Freibad von Doris Dörrie. Erol ist schon so lange Vereinsmitglied wie Matthias, er spielt hervorragend Tennis, leitet eine Steuerkanzlei, aber in der Grilldebatte verwandeln ihn aufgeheizte Gemüter in den türkischen Antagonisten deutscher Vereins- und Esskultur oder auch der aufgeklärten, sprich religionsbefreiten Vernunft.
Rosenmüllers Inszenierung wirkt unspektakulär, auffallend sind als Gestaltungselement am ehesten die Slapstickeinlagen, die die Dialogszenen kurz auflockern. Sie betonen, wie lachhaft sich die Charaktere im Disput benehmen. Die Männer fechten verschiedene Zweierkonflikte aus, ziehen sich den Zorn Melanies zu, einer fortschrittlich denkenden Person, die an Demokratie und Gleichberechtigung glaubt. An Anja Knauers Figur ist im Grunde nichts auszusetzen, aber ihre Hartnäckigkeit wirkt zuweilen nicht nur für Heriberts Begriffe anstrengend. Hape Kerkeling glänzt in der Rolle des rheinländisch jovialen Vorsitzenden, der den Verein wie ein alter König führt und gegen den der aufstrebende, ordnungsliebende Matthias stets den Kürzeren zieht.
Auch Christoph Maria Herbst überzeugt als Torsten, einem aus der Großstadt Zugereisten, der sich linksliberaler, atheistischer Ansichten rühmt, und doch vor allem besserwisserisch wirkt. Torsten platzt vor Eifersucht auf Erol, mit dem Melanie so erfolgreich und mit so viel Spaß Tennis spielt. Fahri Yardim wirkt als Erol im Zentrum des Disputs oft unsicher und passiv, die Figur erscheint mit Ausnahme einer einzigen Szene recht blass gezeichnet.
Die Debatten, in der es immer deutlicher ums individuelle Ego geht, wirken zuweilen so zäh und ermüdend, wie man das sonst von Gruppenmeetings und Elternabenden kennt, die aus dem Ruder laufen. Interessanterweise fehlt den Charakteren, in unterschiedlichem Ausmaß, das Gespür, ob und wie man Gedanken ausspricht, die eine anwesende Person betreffen. Diese Satire beschert ein recht unterhaltsames Wechselbad der Gefühle. (kino-zeit.de)