THE CHRONOLOGY OF WATER
(OmU/DF)USA/F/LAT 2025, 128 Min.
Regie: Kristen Stewart
mit Imogen Poots, Thora Birch, Jim Belushi
Die Biographie einer geschundenen Frau in intensiven Bilderwelten
Als Schauspielerin erreichte Kristen Stewart nach beachtlichen Kindheits- und Jugendrollen, unter anderem in David Finchers „Panic Room“ (2002), mit der „Twilight“-Reihe (2008-2012) den Status eines Teen-Superstars. Trotz ihres frühen Erfolgs ließ sie sich nicht zum massenkompatiblen Postergirl des Kinos machen. Stattdessen trat sie in Indie-Produktionen wie Kelly Reichardts „Certain Women“ (2016) auf und arbeitete mit Regisseuren wie Walter Salles, Olivier Assayas und Pablo Larraín zusammen, um komplexe Figuren spielen zu können. Auf der Leinwand, etwa in der lesbischen Weihnachtskomödie „Happiest Season“ (2020) von Clea DuVall, und abseits davon ist sie inzwischen zu einer queeren Ikone geworden.
Nun liefert sie mit The Chronology of Water ihr Langfilmdebüt als Drehbuchautorin und Regisseurin. Das Werk basiert auf dem 2011 veröffentlichten autobiografischen Roman von Lidia Yuknavitch, der 2024 unter dem Titel In Wasser geschrieben auch auf Deutsch erschienen ist. Die Schriftstellerin erzählt darin fragmentarisch und assoziativ von ihrem Leben, vom sexualisierten Missbrauch durch ihren Vater, von ihrer späteren Alkohol- und Drogensucht, von einer Fehlgeburt und vom Prozess des kreativen Schreibens. Stewart nimmt die Herausforderung an, Yuknavitchs extrem sperrige Memoiren ins Audiovisuelle zu übersetzen.
Wie die literarische Vorlage sucht der Film nicht nach Wegen, uns mit all dem Schrecklichen zu konfrontieren, das die Protagonistin Lidia (Imogen Poots) durchleiden musste. Es geht nicht darum, Bilder für häusliche Gewalt zu finden, sondern das Trauma zu vermitteln, das daraus entsteht. Ein Trauma, das keinen narrativen Formeln, keinen Regeln folgt und sich deshalb nicht in eine konventionell aufgebaute Geschichte einfügen lässt. „Ich dachte darüber nach, am Anfang zu beginnen“, heißt es in den ersten Minuten via Voiceover. Aber schon da ist klar, dass das eben nicht so einfach funktioniert.
Kurze Gedankenblitze. Ein Sprung ins Wasser, festgehalten in einer Unterwasseraufnahme. Blut in der Dusche. Verstörende Geräusche. Ganz nahe, unruhige Einstellungen, die Teile des Gesichts zeigen. Raum- und Zeitsprünge. Wiederholungen. The Chronology of Water lässt uns spüren: Erinnerungen haben keine logische Struktur. Sie sind nicht berechenbar. Mit ihrem Team, etwa ihrem Kameramann Corey C. Waters und ihrer Editorin Olivia Neergaard-Holm, erzeugt Stewart Perspektiven und Übergänge, die sich radikal in den Dienst der Wahrnehmung von Lidia stellen.
Ohne didaktisch zu werden, macht dieser Film so vieles begreiflich. Etwa wie beim Jugendsport eine Objektifizierung junger weiblicher Körper stattfindet. Wie heranwachsenden Frauen Scham eingeredet wird – für Dinge, an denen sie gänzlich schuldlos sind. Und wie sehr bei allen Erfahrungen auch eine vermeintliche Widersprüchlichkeit vorhanden ist. „Bevor ich ihn hasste, liebte ich ihn“, sagt Lidia an einer Stelle über ihren Vater (Michael Epp). Neben dem Schmerz sind da harmonische, glückliche Momente, die dennoch nichts abmildern. Stewart und ihre großartige Hauptdarstellerin Imogen Poots geben sämtlichen Facetten Raum, nicht zuletzt Lidias eigener Lust, ihrer eigenen Sexualität, ihrem Wunsch nach Freiheit: „Mein, mein, mein.“
Mit absoluter Figurenhingabe wirft sich Poots in jede Emotion. Lidia verletzt andere Menschen, die es eigentlich gut mit ihr meinen, etwa ihren sanftmütigen College-Boyfriend Phillip (Earl Cave). Sie will mit ihren expliziten Texten provozieren. Sie hat Phasen der schonungslosen Selbstzerstörung. Und sie ahnt, dass niemand sie retten kann, weder ihre ältere Schwester Claudia (Thora Birch), noch ihr unorthodoxer Mentor Ken Kesey (Jim Belushi). Das Schreiben gibt Lidia die Möglichkeit, ihre Stimme zurückzuerlangen. Aber auch die Kunst vermag es nicht, eine wundersame Heilung zu vollbringen.
Die Verarbeitung, die Erkenntnis, die Akzeptanz – das alles kommt in Wellen. Es kann in Teilen wieder entgleiten, muss stets neu errungen werden. The Chronology of Water ist klug und kühn, intensiv und wild. Es ist genau das Debüt, das wir uns von und für Kristen Stewart als Filmemacherin gewünscht haben. (kino-zeit.de)