ROSEBUSH PRUNING
(OmU/DF)GB 2026, 95 Min. FSK 16
Regie: Karim Aïnouz
mit Callum Turner, Riley Keough, Jamie Bell
Bissige Satire aus der schnöden welt der Rich-Kids
Die Filme des 1966 in Brasilien geborenen Regisseurs Karim Aïnouz, etwa „Futuro Beach“ (2014) und „Motel Destino“ (2024), sind oft knallbunt, erotisch aufgeladen und voller Abgründe, die zugleich schwarzen Humor und Suspense in sich bergen. Für sein neues Werk „Rosebush Pruning“ hat er sich mit dem griechischen Drehbuchautor Efthymis Filippou zusammengetan, der bis dato insbesondere als Schreibpartner von Yorgos Lanthimos mit seinen herrlich grotesken Weltentwürfen Aufmerksamkeit erregte – von „Dogtooth“ (2009) über „The Lobster“ (2015) bis zu „Kinds of Kindness“ (2024). Als lose Vorlage für das Skript diente hier die Satire „Mit der Faust in der Tasche“ (1965) von Marco Bellocchio, in der die italienische Gesellschaft in der Nachkriegsära anhand einer bürgerlichen Familie radikal sozialkritisch betrachtet wird.
Rosebush Pruning kommt als Remake, das in der heutigen Zeit angesiedelt ist, fast als audiovisuelles Gegenstück zum Original daher. Während Bellocchio auf unbekannte Gesichter und eine naturalistische Gestaltung setzte, schickt Aïnouz nun eine Reihe von Stars in einen überhöhten Kosmos aus satten Farben und dröhnenden Sounds. Die superreiche Familie stammt in dieser Version aus New York, lebt jedoch seit einiger Zeit in einer Luxusvilla in Katalonien.
Ed (Callum Turner) fungiert als Erzähler der Geschichte. Wie sein erblindeter Vater (Tracy Letts) und seine drei Geschwister Jack (Jamie Bell), Anna (Riley Keough) und Robert (Lukas Gage) interessiert er sich nur für den schönen, protzigen Schein. Immer wieder nennen die Figuren Markennamen teurer Modehäuser, um sich (oder andere) zu definieren. Ihr Heim wirkt wie ein hypermoderner Country Club, in dem sie dem dekadenten Ennui nachgehen. Mit seiner Kamerafrau Hélène Louvart erzeugt Aïnouz starke Bilder, um diesen Zustand einzufangen. Die Mutter (Pamela Anderson) starb, wie es heißt, durch einen Angriff von Wölfen – weshalb die Familie regelmäßig ein Opferlamm im Wald hinterlässt, um die wilden Tiere zu besänftigen. Eine nackte Statue mitten im Haus soll an die Tote erinnern.
Dies ist tatsächlich bloß eine von etlichen Absurditäten, durch die sich diese Dynastie auszeichnet. So hat Jack offenbar einen Blutfetisch. Robert verzehrt sich wiederum lüstern nach ihm. Und auch in anderen Konstellationen sind inzestuöse Vibes deutlich zu spüren. Als Jack mit der Gitarristin Martha (Elle Fanning) zusammenkommt, gerät das extrem abgeschiedene Dasein der Familie aus den Fugen – und mancherlei Geheimnisse offenbaren sich plötzlich.
Das Spiel mit finsteren und bizarren Elementen, das Lanthimos’ Arbeiten zu faszinierenden Seherfahrungen macht, findet sich zuweilen auch in Rosebush Pruning. Wenn Martha zum Essen eingeladen wird und bald erleben muss, wie radikal sie insbesondere vom ungehemmten Patriarchen und dessen Tochter auf Äußerlichkeiten reduziert und wie eine Ware behandelt wird, ist das treffend böse auf die Spitze getrieben. Die Ausflüge in den Wald zu den Wölfen verleihen dem Geschehen etwas Düster-Märchenhaftes. Zudem ist der Unterhaltungsfaktor durch einige pointierte Dialoge sehr hoch, etwa wenn Martha sich bei Jack beklagt, dass sie bei ihm stets um die „einfachen Dinge“ betteln müsse – und damit das riesige Anwesen meint, dass er doch bitte möglichst sofort für sie beide als neues Zuhause kaufen solle.
Die gezeigten Personen sind durchweg egoistisch, weltfremd und moralisch verdorben – und das Ensemble hat eine mitreißende Freude daran, diese verwerflichen Gestalten zu verkörpern. Diverse Momente muten dann aber eher wie selbstzweckhafte Provokationen an. Eine Sequenz mit einem inzestuösen Hand- und Blowjob beim Zähneputzen (mit einem ausgiebigen Gebrauch von Zahnpasta) ist weniger schockierend als vielmehr ziemlich albern – was als Form, um Gewalt in patriarchalischen Strukturen zu vermitteln, nicht allzu gelungen ist. Trotz großartiger Aufnahmen und hervorragenden Schauspielleistungen zerfällt Rosebush Pruning zunehmend in eine grelle und schließlich mörderische Nummernrevue, die dramaturgisch näher an einer aufgesexten Prime-Time-Soap wie Der Denver Clan oder Die Colbys als an einer beißenden Satire ist.(kino-zeit.de)