Kinoptikum Landshut

DO YOU LOVE ME

(frz. OmU)
Nahost

F/D/LIB 2026, 75 Min. FSK 12

Regie: Lana Daher

Ein audiovisueller Ritt durch 70 Jahre Leben im Libanon

DO YOU LOVE ME

Wie setzt man eine Nation ins Bild, die kein nationales Archiv besitzt und in deren Schulen es keine einheitlichen Geschichtsbücher gibt? Vielleicht, indem man selbst in die Archive hinabsteigt und das zutage Geförderte zu etwas Subjektivem verwebt. So hat es zumindest die Künstlerin und Regisseurin Lana Daher getan – und eine kunstvolle Collage über ihr Heimatland erschaffen, die gleichzeitig eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt ist.
Das am Mittelmeer gelegene Land sei winzig, erklärt die Touristenführerin ihrer Reisegruppe, nur 200 Kilometer lang und 50 Kilometer breit, also gerade einmal 10.000 Quadratkilometer groß. Mitreisende blicken verdutzt in die Kamera, sobald sie diese gewahr werden, während die Führerin im Bildhintergrund weitere Fakten vorträgt. Trotz der geringen Größe sei das Land reich an Kulturen und Konfessionen. „Vielleicht haben wir deshalb so viele Probleme“, sagt sie. Ein paar Schnitte später behauptet ein Fischer in seinem Boot das Gegenteil, nämlich dass all die Glaubensgemeinschaften prima miteinander auskämen. Erst als jemand hinter der Kamera kritisch nachhakt, rudert er zurück. In beiden Aufnahmen, die aus unterschiedlichen Jahrzehnten stammen, ist die Rede vom Libanon.
Die im Journalismus wichtigen W-Fragen, also wer hier wo, wann, wie und weshalb im Bild zu sehen ist, lassen sich während der Rezeption von Lana Dahers Film nicht nachvollziehen; lediglich aus dem Kontext erschließen. Wer sich die Mühe machen möchte, kann nach dem Kinobesuch aber jede einzelne der unzähligen Archivaufnahmen auf einer eigens zum Film erstellten Webseite recherchieren. Die Überwältigung des Publikums durch die schiere Bilderflut hat indessen Methode. Das Presseheft zum Film führt die „Orientierungslosigkeit als Stilelement“ an, verweist somit auf eine Spiegelung von Inhalt und Form: einem Land, in dem seit Dekaden bisweilen chaotische Zustände herrschen, ist anscheinend nur mit einer Erzählweise beizukommen, die die Sinne verwirrt. Das leuchtet ein, greift aber zu kurz. Denn Do You Love Me lässt sich – wie die unzähligen Stimmen, die darin zu Wort kommen – nicht auf einen einzigen Aspekt reduzieren.
Lana Daher, 1983 während des libanesischen Bürgerkriegs geboren, hat neben Filmregie auch Bildende Kunst und Grafikdesign studiert. Sie lebt und arbeitet bis heute in Beirut. Der Stadt, die einst als „Paris des Orients“ galt, hat sie mit ihrem ersten abendfüllenden Kinofilm, der seine Weltpremiere bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig feierte, einen Liebesbrief geschrieben. Die dafür verwendete Collagetechnik, die an My Stolen Planet (2024) der Exil-Iranerin Farahnaz Sharifi erinnert, macht Dahers Film auch zu einem assoziativen Gedankenstrom und zu jenem „audiovisuellen Gedächtnis[ses] des Libanons“, als den ihn der Produzent Jean-Laurent Csinidis bezeichnet. Vor allem aber macht der Film Hoffnung.In den Bewegtbildern und Fotografien, die aus der libanesischen Film- und Fernsehlandschaft und privaten Beständen stammen und sieben Jahrzehnte umfassen, ist viel Leid, Zerstörung und Trauer zu sehen. Mal sind diese Aufnahmen wie in einem Thriller aus den 1970ern, inklusive der entsprechenden musikalischen Begleitung, mal wie in einem Kriegsdrama, mal in wie einer nachrichtlichen Doku montiert. Lana Daher spart die glücklichen Seiten des Lebens aber nicht aus: kontemplative Momente am Meer, Tanz und Musik auf Hochzeits- und Familienfeiern, ein „Kessel Buntes“ in Unterhaltungssendungen im TV. Der audiovisuelle Fluss, der keiner Chronologie folgt, kommt einem Blättern in historischen Zeitschriften gleich, das auf jeder Seite andere Moden und Geschmäcker bietet: Schlaghosen treffen auf Schulterpolster, Schnurrbärte auf Dauerwellen und folkloristische Musik auf libanesischen Hip-Hop amerikanischen Zuschnitts.
Verschiedene Themenkomplexe abschreitend kommt irgendwann die Frage auf, ob besagte „Orientierungslosigkeit“ längst zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung geworden sei. Wird folglich das Chaos im Land einfach von Generation zu Generation weitergereicht, weil niemand mehr die Zustände hinterfragt, sondern sie als gegeben hinnimmt? Do You Love Me, der nicht zuletzt die titelgebende Frage stellt, ob man ein Land wie den Libanon lieben könne, überlässt die Antworten dem Kinopublikum, indem er widerstreitende Positionen vermittels der Filmmontage in einen Dialog treten lässt. Lösungen haben Lana Daher und ihre kunstvolle und, wenn man ihr einen Vorwurf machen wollte, augenfällig unpolitische Collage freilich nicht parat. Der furiose Ritt durch 70 Jahre Libanon ist aber auf alle Fälle einen Kinobesuch wert. (kino-zeit.de)

Land/Jahr: 
F/D/LIB 2026
Länge:
75 Min.
Regie:
Lana Daher