Kinoptikum Landshut

WANDA

(OmU)

USA 1970, 102 Min. FSK 12

Regie: Barbara Loden
mit Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes

Ein Meilenstein des feministischen Kinos und Zeitdokument

WANDA

Selten hat man im Kino eine derartige passive, schicksalsergebene und teilnahmslose Protagonistin wie diese gesehen. Höchstens vielleicht in Herk Harveys „Carnival of Souls“, einem anderen Klassiker des amerikanischen Independent-Kinos, gerade mal acht Jahre vor „Wanda“ gedreht. Aber die war ja auch – Achtung, Spoiler! – tot.
Den Tod freilich wünscht sich auch die Titelheldin (gespielt von der Regisseurin selbst) in Barbara Lodens „Wanda“, der für gerade einmal 115.00 Dollar gedreht wurde und der heute als Klassiker des feministischen Kinos gilt – obwohl dessen (Anti-)Heldin bis zum bitteren Ende keinerlei revolutionären Impuls entwickelt. Wie Mary in Harveys surrealistischer Geisterbahnfahrt ist auch Wanda im ungleich realistischeren Setting des ländlichen Pennsylvania eine Schlafwandlerin, die durchs Leben taumelt, kaum je bei Sinnen, ohne eigenen Willen, eine Frau, der alles nur widerfährt und die kaum jemals selbst aktiv wird. Gleich zu Beginn des Films verschläft sie fast einen Gerichtstermin und fleht fast schon um den Entzug des Sorgerechts für die beiden Kinder, die sie gemeinsam mit ihrem (Ex-)Ehemann (Jerome Thier) hat. Anschließend driftet sie ohne Ziel durch die Gegend, trifft einen Handelsvertreter, der sie aber schnell sitzenlässt, landet in einem Kino, wo ihr das letzte disschen Geld geklaut wird, und trifft schließlich auf den Kleinkriminellen Mr. Dennis (Michael Higgins), der sie mit in seine dilettantischen Raubzüge hineinzieht.
Wanda spielt in einem Nordamerika der Nicht-Orte, der schmuddeligen und grauen Ecken und Ränder, in die sich andere Filme zuvor selten gewagt oder sie als nicht filmisch genug betrachtet hatten. Ein tristes Haus mitten in einer Abraumhalde, schäbige Motels, abgelegene Parkplätze, eine heruntergekommene Bar im Nirgendwo einer namenlosen Stadt – die Orte, durch die Wanda taumelt und die alle von einem Grauschleier überzogen zu sein scheinen, atmen keinerlei Glamour, sondern wirken wie Bestandsaufnahmen eines Amerika (vielleicht des wahren), das im Schatten liegt. Die hyperaktive, fast immer ohne Stativ filmende 16mm-Kamera (Nicholas T. Proferes, dessen Arbeiten für das Direct Cinema man hier in jeder Einstellung spürt) fängt die Tristesse der Szenen seismographisch ein, auf der Tonebene schiebt sich oft der Lärm der Straße über die knappen Dialoge – auf diese Weise entsteht eine fast schmerzhafte Nähe und Unmittelbarkeit
Entfernt erinnert Wanda an die Filme von John Cassavetes und natürlich an Arthur Penns Bonnie and Clyde, der drei Jahre zuvor von einem Gangsterpärchen erzählt hatte – und doch sind die Unterschiede zwischen den beiden Filmen gewaltig, ist Lodens Perspektive eine ganz andere und ihr gesamter Ansatz viel realistischer, sozialkritischer und letztendlich auch niederschmetternder als Penns Feier eines widerständigen Pärchens.Dass Wanda bis heute den Ruf eines Solitärs in der US-amerikanischen Filmgeschichte genießt („ein Meilenstein des feministischen Kinos“, so die Criterion Collection), liegt neben den formalen und narrativen Entscheidungen Lodens auch noch an anderen Faktoren: Dass Loden, die zuvor eine recht erfolgreiche Karriere als Model und Schauspielerin (unter anderem in den Filmen Wilder Strom und Fieber im Blut ihres späteren zweiten Ehemannes Elia Kazan) gestartet hatte, hier nicht nur Regie führte, sondern auch das Buch schrieb, die Hauptrolle selbst übernahm und gemeinsam mit Harry Shuster produzierte, war zu diesem Zeitpunkt für eine Frau ein Unikum und ist vermutlich vor allem dadurch zu erklären, dass hier kein großes Studio die Finger im Spiel hatte. Zudem blieb Wanda Lodens einziger Langfilm und damit ein uneingelöstes Versprechen auf künftige Werke, die ihr gewiss einen noch höheren Rang als eigensinnige Filmemacherin eingebracht hätten. Doch dieser Weg wurde nach zwei weiteren Kurzfilmen und Plänen für kommende Filme durch eine Krebserkrankung durchkreuzt, der sie 1980 im Alter von nur 48 Jahren erlag.
Wanda erlebte seine Weltpremiere beim Filmfestival in Venedig und erhielt dort den Pasinetti-Preis für den besten ausländischen Film. Dennoch war diesem Werk kein Erfolg in seiner Heimat vergönnt. Nach nur wenigen Wochen in ausgewählten Kinos verschwand der Film von der Bildfläche und geisterte anschließend als ferne Erinnerung an etwas Ungeheures und nie zuvor je Gesehenes und fast schon als Mythos durch die Filmgeschichtsschreibung und war nur selten in ausgewählten Zirkeln der Cinephilie zu sehen. Umso schöner, dass Wanda nun nach seiner Wiederaufführung im Kino auch eine deutsche Veröffentlichung auf DVD erhalten wird; bislang war man auf die Edition der Criterion Collection und damit auf Umwege über das Ausland angewiesen.Am Ende friert das Bild ein, Wanda gerät endgültig in eine finale Erstarrung, aus der es kein Entrinnen mehr gibt. Und selbst wenn der Film eindeutig die historischen Marker einer längst vergangenen Epoche und selbst den Ruf eines bedeutsamen Werkes der Filmgeschichte trägt, ist er in seiner Schonungslosigkeit und in seiner Analyse der alltäglichen Gewalt und der sozialen Verelendung ein Film von spröder Schönheit und großer Zeitlosigkeit. (kino-zeit.de)

Land/Jahr: 
USA 1970
Länge:
102 Min.
Regie:
Barbara Loden
Darsteller:
Barbara Loden, Michael Higgins, Dorothy Shupenes