Kinoptikum Landshut

DIE FARBEN DER ZEIT

La Venue de l'avenir – F 2025, 124 Min. FSK 12

Regie: Cédric Klapisch
mit Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Vincent Macaigne

Zauberhafte Zeitreise zum Fin de Siècle

DIE FARBEN DER ZEIT

Wer eine Stadt wie Paris besichtigt oder gar dort lebt, ist umgeben von Architektur und Kunstwerken vergangener Epochen. Man wüsste wohl auch gerne, ob nicht schon eigene Vorfahren einst auf dieser Brücke, an jener Steintreppe gestanden und den Eiffelturm bewundert haben. Der französische Regisseur Cédric Klapisch („L’auberge espagnole“, „Der Wein und der Wind“) erzählt in seinem epischen Drama „Die Farben der Zeit“ von einer Erbengemeinschaft, die bis eben weder voneinander noch von der Existenz einer gemeinsamen Vorfahrin wusste.
Die 1873 geborene Adèle (Suzanne Lindon) lebte in einem Haus im Grünen in der Normandie. Nun interessiert sich die Provinzstadt für das verfallene Anwesen, um einen Supermarkt samt Parkplatz bauen zu lassen. Ein Komitee von vier Erben, welche die anderen vertreten, will erst einmal die Dinge im Haus inspizieren und vertieft sich anhand der vielen Fotografien und Briefe in das Leben Adèles. Auch gibt es im Haus ein Gemälde, das von einem impressionistischen Meister stammen könnte und vielleicht viel wert ist. Parallel zu den Entdeckungen der vier Nachfahren im Haus taucht Klapisch in das Jahr 1895 ein, als Adèle Richtung Paris aufbricht, um ihre unbekannte Mutter zu suchen.
Adèle lernt schon auf der Reise zwei junge Männer kennen, die ihr Glück in Paris machen wollen. Lucien (Vassili Schneider) ist Fotograf, Anatole (Paul Kircher) Maler. Wie es sich für die Epoche gehört, streiten die beiden gerne darüber, ob die Fotografie die Malerei nicht ablösen und zur Bedeutungslosigkeit verdammen wird. Adèle erleidet einen Schock, als sie ihrer Mutter Odette (Sara Giraudeau) gegenübersteht: Dass die Frau, die sie als Baby zur Großmutter gab und nie besuchte, in einem Bordell arbeitet, wusste sie nicht. Sie läuft davon und quartiert sich bei Lucien und Anatole in deren Pensionszimmer ein, dient Anatole als Aktmodell und lässt sich von ihm Lesen und Schreiben beibringen. Doch sie versöhnt sich auch mit der Mutter, die einst als Modell für Künstler angefangen hat und mit einem Fotografen und einem Maler befreundet war. Natürlich will Adèle auch wissen, wer ihr Vater ist.
Die vier Erben, die sich in der Gegenwart im Haus treffen, sind sehr verschieden. Der jüngste, Seb (Abraham Wapler), dreht Videos für Künstler*innen und Models und nimmt nur seinem Großvater zuliebe an den Treffen teil. Der sensible Mann, der nun einen Familienanschluss bekommt, den er seit dem Tod der Eltern stets vermisste, steht am Beginn einer zarten Romanze mit der Sängerin Fleur (Pomme). Die Ingenieurin Céline (Julia Piaton), der Lehrer Abdelkrim (Zinedine Soualem) und der Imker Guy (Vincent Macaigne) bekommen auch einen rudimentären Hintergrund. Je mehr sie sich in das Leben Adèles vertiefen, desto klarer wird den vier Verwandten der Wert der Erbschaft. Eine familiäre Wurzel führt in die Epoche des französischen Impressionismus, zu einem ihrer berühmtesten Maler… Zur liebevollen Atmosphäre dieses wunderschönen, völlig unaufgeregten Films gehört, wie sich die Erben über die neu entdeckten Wurzeln freuen. Den Gipfel ihrer Forschungsarbeit stellt der Konsum einer halluzinogenen Substanz dar, der die kleine Gruppe in eine frühe Ausstellung impressionistischer Bilder in Paris im 19. Jahrhunderts hineinbeamt. Dort hören sie die spöttischen Kommentare der Besucher*innen, mischen sich ein, dort wird Seb klar, wer Adèles Eltern sind. Klapisch lässt diverse Berühmtheiten auftreten und ordnet der fiktionalen Adèle einen Vater zu, von dem bekannt ist, dass er eines seiner Modelle heiratete.
Indem er eine Brücke zwischen Gegenwart und Vergangenheit schlägt und das Publikum erkennen lässt, wie die Menschen von früher die städtische Kultur erlebten und vermehrten, ähnelt Klapischs Film Midnight in Paris von Woody Allen. Was ihn besonders auszeichnet, ist außer den hervorragenden Schauspielleistungen die schöne Gestaltung des Wechsels zwischen den Epochen. Adèle steigt die Treppen am Ufer der Seine hoch, im nächsten Moment läuft ein Jogger von heute die Stufen hinab. Mal steht Adèle auf einer Seinebrücke, mal Seb mit Fleur zum Videodreh, und sie blicken alle auf dasselbe Stadtpanorama. Die impressionistischen Bilder, die Seb und andere im Museum besichtigen, sind nun mit Menschen aus ihrer Entstehungszeit verbunden. Eine Wohlfühlgeschichte, ein herausragender Filmgenuss. (kino-zeit.de)

Originaltitel: 
La Venue de l'avenir
Land/Jahr: 
F 2025
Länge:
124 Min.
Regie:
Cédric Klapisch
Darsteller:
Suzanne Lindon, Abraham Wapler, Vincent Macaigne