Kinoptikum Landshut
BLANK CITY  Für Roland OmU
So 04.08.  18:00
Di 06.08.  21:00
Do 08.08.  21:00
FSK 12
Eine erhellende Kino-Collage aus den Sturm und Drang-Zeiten des „Cinema of Transgression“.
Punk und Kino – in „No Wave Cinema“ und „Cinema of Transgression“ gehen sie eine energiegeladene und Grenzen auslotende Symbiose ein. Heute ist das Guerilla-Kino der 1970er und 1980er Jahre aus New York nicht mehr vielen Menschen ein Begriff. Kurz nachdem Regisseurin Céline Danhier in Paris einige der Filme der Underground-Kinoströmung sah, zog sie nach New York und griff die Idee der Filmemacher, ohne ästhetische oder inhaltliche Regeln einfach eine Kamera zu nehmen und drauf loszufilmen, auf und interviewte, filmte, schnitt und setzte wieder zusammen: Entstanden ist eine sehr witzige, rockige und – so langweilig es klingen mag – film- und musikhistorisch wunderbare Reise in das Super8- und 16mm-Filmen der 1970er bis 1980er Jahre aus der Lower East Side in New York.
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„Out with the old, in with the new!“ — so beschreibt Jim Jarmusch, der zu dieser losen Gruppe an jungen Filmemachern gehörte, zu Beginn der Dokumentation die Atmosphäre innerhalb der losen Künstlergemeinschaft rund um die Kultbar CBGBs im Süden Manhattans zwischen den 1970ern und 1980er Jahren in der Bowery. Es sind viele sogenannte Home Movies, teilweise gefördert durch das New Yorker Colab, die handwerklich naiv erscheinen mögen, doch gerade das Unkonzeptionelle macht diese Filme stark. Sie sind oft laut und wütend, zeigen explizit Sex, aber auch Gewalt. Sie betonen vor allem Stimmungen, so beispielsweise You Killed Me First (1985, 11 min) mit Lung Leg und David Wojnarowicz von Richard Kern. Der Regisseur spielt hier mit familiären und gesellschaftlich festgefahrenen Konventionen und zeigt den rebellischen Kampf einer Tochter gegen diese Regeln und die sie verkörpernden Eltern.
Danhiers Collage aus Farb- und Schwarzweißmaterial, Super8- und 16mm-Aufnahmen, Zeitzeugen-Interviews und Originalausschnitten der rebellischen Mini-Filmepoche schickt den Zuschauer auf eine Reise, die zwischen einem aufregenden New York, das es nicht mehr gibt und einem Heute, in dem das Rebellische künstlicher denn je zu wirken scheint. Die Dokumentation ist eine kleine Geschichte des schnellen Filmemachens in einer unheimlich expressiven und aktiven Kunstbewegung inmitten des kriminellen, gefährlichen New York – es ist Punkkino. Es gab keine Grenzen, keine ästhetischen Regeln, an die man sich halten musste. Die Filmemacher waren die cinematographischen Misfits ihrer Zeit. Und trotzdem hatten sie eine große Anhängerschaft. Man muss sich nur vor Augen halten, dass Amos Poes und Ivan Krals The Blank Generation (53 min), der von den Anfängen der Punkbewegung über die Ramones, Patti Smith, Iggy Pop, Blondie und Talking Heads handelt, als sie noch relativ unbekannt waren, 1976 direkt hinter dem mit Preisen überhäuften Zeit der Zärtlichkeit die höchsten Besucherzahlen in den USA hatte.
Neben Nick Zedd und John Waters, kommen Steve Buscemie, John Lurie, Beth B and Scott B, aber auch James Chance zu Wort, sie sprechen über ihren Alltag, befreundete Wegbegleiter wie Cookie Mueller und Jean-Michel Basquiat, über das Tür-an-Tür-Leben mit der Beat Generation, aber ebenso über AIDS in den frühen 1980er Jahren. Es ist nicht nur eine Dokumentation über die Künstler und ihre super billig-Filme, sondern ein Portrait der Zeit. Danhier stellt in „Blank City“ die expressiven Freiheiten der Künstler in Bezug auf Leben, Drogen, Kunst und Werte in einer Collage aus found footage und oral history-Interviews zusammen. Wer erinnert sich noch an Wild Style? Fab 5 Freddys und Charlie Ahearns Hip-Hop-Film aus dem Jahr 1983 ist heute ein Klassiker unter Liebhabern. Wer kennt Richard Kerns und Lydia Lunchs Fingered (1986, 25 Min.) und Zedds They Eat Scum (1975, 75 min)? Danhier ist es zu verdanken, dass wir wieder aufmerksam gemacht werden, aufmerksam, dass es auch ein neues Kino gab neben den „großen“ Wellen der Nouvelle Vague oder des New Hollywood. Einige der Filmschätze können heute legal und kostenlos auf der Website der non-profit Bibliothek www.archive.org und unter www.ubu.com/film/transgression.html angesehen werden.

Als 1985 unter dem Pseudonym Orion Jeriko Nick Zedds Manifest des „Cinema of 
Transgression“ in The Underground Film Bulletin erschien, hatte die Kommerzialisierung in Downtown Manhattan bereits begonnen, MTV festigte seine Vormachtstellung, einige der Filmemacher hatten bereits große Erfolge, so auch Stranger than Paradise für den Jim Jarmusch 1984 in Cannes die Goldene Palme gewann. Zedd spricht in dem Manifest davon, „… dass jeder Film, der nicht schockiert, nicht sehenswert ist. Alle Werte müssen in Frage gestellt werden. … Daher müssen wir aufbegehren, Spaß haben, Ficken, neue Dinge lernen und so viele Regeln wie möglich brechen. Diesen mutigen Akt bezeichnen wir als Transgression.“ (You killed me first. The Cinema of Transgression, hrsg. von Susanne Pfeffer, Köln 2012.) Die eine Regel, dass keine Regeln gelten, sollte in eine „höhere Ebene der Existenz“ führen. Mit diesem Willen zur Katharsis wollte man sich vom herkömmlichen Kunstfilm abgrenzen – inhaltlich wie ästhetisch. Das sogenannte New Cinema war eben auch ein Video Cinema. In diesem Sinne bietet das Jetzt mit seinen Webcams, mobilen Endgeräten und digitalen Kameras das Potential, diese Art von Kino wieder aufzugreifen. Man kann heute schneller und billiger Filme machen, als je zuvor. Man muss es nur tun – wie man an dem Amateur-Langspielfilm Used to Lie sehen kann, der ohne Budget im November auf YouTube erschien oder auch an Axel Ranischs Dicke Mädchen, der mit nur etwas mehr als 500 Euro auskam. (kino-zeit.de)
Land/Jahr: 
USA 2009
Länge:
95 Min.
Regie:
Celine Danhier
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