Kinoptikum Landshut
MESSER IM HERZ - Un couteau dans le coeur  Cinema Obscure
Do  26.09. 21:00
Fr  27.09. 20:00
So  29.09. 20:30
FSK 16
Zum 1. Landshuter CSD: Ein homoerotisches Genrekarussell, zwischen Giallo, Camp-Film und Thriller, aus dem entgeistertes Kino aufsteht, stylisch und trashig, großartig und grauenvoll.
Die vermutlich romantischste Hommage im Wettbewerb von Cannes zeigt Männer, die gemeinsam im Kino sitzen, um anderen zuzuschauen, wie sie miteinander kuscheln: Messer im Herz entwirft eine knallige Utopie der 1970er Jahre, samt Serienmörder und Vanessa Paradis als Porno-Queen.
Aus der prallen Hose holt der maskierte Unbekannte im Moment der Verführung einen großen schwarzen Dildo heraus, kein Glied. Worauf es kurz darauf ankommt, versteckt sich in dem Spielzeug: Der Dildo lässt sich aufschnappen und verwandelt sich auf Kommando in ein langes, spitzes Messer. Das Tatwerkzeug ist damit schon nach wenigen Minuten eingeführt – und bietet sich zur Fetischisierung an. Messer im Herz (Un couteau dans le cœur) ist ein queerer Neo-Giallo und erfreut sich an Penetrationen aller Art. Die durch den Serienmördersind offenkundig eine Reaktion auf andere, denn seine Opfer sind alle Darsteller in Schwulenpornos. Wir schreiben das Jahr 1979, das Ende der goldenen Ära der Erotikfilme steht kurz bevor. Die Handlung beginnt im Darkroom, diesen kaum erleuchteten Räumen, oft in Kellern von Kneipen, in denen sich bis heute Männer treffen, um sich gegenseitig zu befriedigen. Einen kurzen Moment wähnt man sich in Théo & Hugo (2016) von Olivier Ducastel und Jacques Martineau, der mit einer 20-minütigen Darkroom-Szene beginnt, aber die Stimmung ist eine andere, der Keller fast leer, die Action hat noch gar nicht richtig begonnen oder ist schon wieder vorbei. Messer im Herz analysiert auch nicht die Rituale, die mit diesen Orten schwuler Kultur verbunden sind, sondern nutzt die Atmosphäre, das rote Dämmerlicht, das zum Ausgang führt, und die eher mäßig leidenschaftlichen Begegnungen als Setting, in das der Wahnsinn einbricht und damit der einzige wirkliche Höhepunkt: ein Mord.
Lesbische Liebe und schwuler Sex
Vor diesen Anfang hat Regisseur Yann Gonzalez (Begegnungen nach Mitternacht, Les rencontres d’après minuit, 2013) bereits ein paar Bilder gesetzt, Fragmente einer Analogfilmkultur, junge Männer in idyllischer Natur, die sich liebkosen. Dass es sich um Pornos handelt, kann man sich denken, explizite Einstellungen gibt es hingegen keine. In Knife + Heart steht das Vergnügen am Rückblick im Mittelpunkt und die damit einhergehende filmische Ehrerbietung. Es ist ziemlich verrückt, wie Gonzalez diese Geschichte arrangiert, durch den Blick seiner hoffnungslos verliebten Protagonistin Anne gibt er dem großen Ensemble schwuler Figuren etwas Märchenhaftes. Vanessa Paradis läuft wie verzaubert und verdammt zugleich durch die Pariser Nächte und später auch durch einen Wald. Loïs, die Liebe ihres Lebens, die mit Schere und Klebeband Annes Pornofilme schneidet, die Frau mit dem burschikosen Namen und einem resolut weichen Lächeln, will sie nicht mehr.

Die beginnende Mordserie kann dem kleinen Erotikfilmbusiness, das erst einen, bald mehrere Darsteller verliert, zunächst nichts anhaben, im Gegenteil: Sie inspiriert Anne dazu, in humoristischen Kabinettstücken einen neuen – man erinnert sich vielleicht, dass es das früher gab – Porno mit ausführlicher Spielfilmhandlung zu drehen, in dem sie ihre rechte Hand Archibald (Nicolas Maury) blondiert als Pornoproduzentin castet. Die Befragung bei der Polizei zu ihrem von hinten erstochenen Schauspieler ist dabei nur der Auftakt. Gonzalez guckt mit Neugier und Bewunderung zu, schenkt den Film-im-Film-Szenen Leichtigkeit, ohne sie mit Emphase zu erdrücken.
Ein pragmatisches Geschäft
Das Geschäft mit dem Sex vor der Kamera inszeniert Messer im Herz als recht reibungsloses Geschäft (von ein paar Erektions- und Drogenproblemen abgesehen) und das Drehteam als eine Art Wahlverwandschaft mit Außenseitern und Lieblingen. Gonzalez hat keine aufklärerischen Absichten, trägt aber immer auch einige Nüchternheit in sich, was die pragmatische Seite des Jobs angeht. Zunehmend allerdings verschiebt sich die Aufmerksamkeit auf die fantastische Detektivstory, in der Anne die Hauptrolle übernimmt und ein mysteriöser Vogel den entscheidenden Hinweis gibt. Mit den klassischen Giallo-Motiven von plakativem Thrill und Spaß an eigenwilliger Überstilisierung nimmt auch die Faszination für Macht, Gewalt und Sex zu.
Ihren verstorbenen Darsteller, den sie Karl nennt, beschreibt Anne recht früh im Film als mächtig, unersättlich und grenzenlos, aber auch als besessen. Damit nimmt Vanessa Paradis auch schon vorweg, was man als das ästhetisch-motivische Programm von Messer im Herz verstehen kann. Die Natur kommt dabei Gonzalez oft zur Hilfe, beim Picknick zieht ein unwirklicher Sturm auf, Wasserfall-ähnliche Regenergüsse bringen zwei Liebende zusammen, der nasse Asphalt erleuchtet die dunklen Straßen. Bunte Farbflächen, kontrastreiche Bilder und postmoderne Widersprüche-die-keine-sind betonen das Kino-Moment, die Entführung in Welten, die nur im großformatigen Bewegtbild hergestellt werden können. Die spielerische Steuerung der Affekte ist betonte Methode und erklärtes Ziel.
Das Ende des Pornos ist kein Ende des Kinos
Die erst langsam einsickernde emotionale Wucht bereitet der Film sehr bewusst über historische (Genre-)Verweise vor und gibt ihr Anker mit einem Cast, der etwa mit Jacques Nolot und Bertrand Mandico selbst Anspielung ist auf die ältere und jüngere Geschichte queeren französischen Kinos. „Von Sperma und frischem Wasser“ heißt einer der Filmtitel, der zwischendurch einmal genannt wird und schön treffend die jugendliche Euphorie umreißt, die in schwulem Kino einmal steckte, als die Repräsentation noch ganz anders erkämpft werden musste. Zwei große Gruppenszenen beschließen die Handlung und den Film: In der einen sitzen alle gemeinsam im Kino, in der anderen gibt es eine kleine, reizende Orgie vor abstrakt-weißem Hintergrund. Black Box gegen White Cube: Wo Messer im Herz sich zu Hause fühlt, ist klar. Die Geschichte der Gemeinschaft stiftenden Kraft abgedunkelter Räume ist noch lange nicht auserzählt (critic.de).
Land/Jahr: 
F 2018
Länge:
102 Min.
Regie:
Yann Gonzalez
Darsteller:
Vanessa Paradis, Nicolas Maury, Kate Moran
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