Kinoptikum Landshut
BURNING - Beo-ning  Fernost
Sa  28.09. 21:00
So  29.09. 17:30
Mo  30.09. 20:00
Do  03.10. 18:00
FSK 16
Krimi? Gesellschaftskritik? Dreiecksgeschichte? Es bleibt in der Schwebe, denn dieser Film hebt wirklich ab, löst sich von der Schwerkraft des Bedeutens und Erzählens, driftet mitsamt seinen Bildern davon.
Große Brüche und ein großer Brand: Mit dem von Haruki Murakami inspirierten Burning schenkt Lee Chang-Dong dem Wettbewerb von Cannes einen beeindruckenden Mystery-Reigen mit dringender Gegenwartsanalyse – der gar nicht so leicht zu fassen ist.
Diesem ungelenken Körper in Burning dabei zuzusehen, wie er sich bewegt, ist ein Ereignis. Er setzt nicht einen Fuß vor den anderen, er fällt von einem Bein aufs andere. Ist der Kopf beim Gehen schon weiter und die Gelenke müssen erst folgen, oder ist es umgekehrt? Wie Schauspieler Yoo Ah-in dem jungen Mann aus der Provinz eine beständig stolpernde Präsenz gibt, bringt den Film vom ersten Bild an in ein faszinierendes Ungleichgewicht. Dieser junge Mann in seinen Zwanzigern, Jongsu, wird eingeführt mit einer Ladung Klamotten auf seiner Schulter, die Kamera folgt ihm auf einen Basar, er liefert etwas ab, eher improvisiert denn professionell. Burning beginnt mitten in der Großstadt und das Gewusel ist bezeichnend, die Überforderung Prinzip. Eine Verkäuferin im knappen Outfit macht ihm Zeichen, und er scheint sie weder zu verstehen noch misszuverstehen. Haemi (Jun Jong-Seo) arrangiert ihr Kennenlernen, ist aufdringlich und verrät ihm dann, dass sie eine Schönheits-OP hinter sich hat.
Zwei Brüche, ein Verschwinden
Haemi und Jongsu sind im gleichen Dorf an der Grenze zu Nordkorea aufgewachsen und sie sind von der ersten Einstellung an, in der sie nebeneinander stehen, ein soziologisches Experiment, wie es die Wirklichkeit bereithält, inspiriert von einer Novelle von Haruki Murakami (Barn Burning, 1983). Die beiden rauchen, an eine Wand gelehnt, er – mit seinem leicht schiefen Mund und apathischem Blick – weiß nicht, wie ihm geschieht, sie – geschmeidig, püppchenhaft, propper – hat ein klares Ziel. Wenig später landen sie gemeinsam im Bett und schon diese erste Sexszene in Burning zeigt alle Stärken von Lee Chang-dongs Inszenierung. Sie könnte tatsächlich direkt aus einem Roman entnommen sein, weil sie die Erfahrung gleichzeitig ausgiebig und lyrisch entfaltet. Es gibt ein Problem mit dem Kondom, beide beschäftigen sich damit, ohne dass es ins Komödiantische kippt. Beim Akt selbst erkundet Jongsu, noch immer mehr irritiert als dem Moment hingegeben, das kleine Zimmer, bis sich sein Blick auf eine Lichtspiegelung konzentriert, auf die Haemi ihn schon vorbereitet hatte. Die große Welt kommt mit einem Strahl hinein ins Zimmer und lässt seine Verwirrung einen Ankerpunkt finden.
Zwei große Brüche markieren den zweieinhalbstündigen Film: Während Jongsu in die triste Provinz zurückgekehrt ist, um auf dem Hof seines Vaters auszuhelfen, weil der sich mit Gewalt ins Gefängnis befördert hat, kehrt Haemi von einer Afrikareise mit einem neuen Freund zurück, dem mysteriösen, dandyhaften, porschefahrenden Ben (Steven Yeun). Nachdem der sich auch ein bisschen ins Leben (und vor allem in die Gedanken) von Jongsu geschlichen hat, folgt der zweite Bruch, als Haemi plötzlich aus Jongsus Leben verschwindet. Für den jungen Mann, aber nicht ganz so direkt für den Film, bedeutet das den Beginn eines Mysterythrillers, durch den Jongsu zunächst weiter stolpert, bevor er dann doch auch einmal zu rennen beginnt. Klar: Er hat Ben im Verdacht. Burning guckt Jongsu lange zu und lässt den Zweifel walten. So wie der Körper Yoo Ah-ins die Grenzen des Protagonisten ständig vor Augen führt, so insistieren die flexible Kamera von Hong Kyung-pyo (The Wailing, Mother, Snowpiercer) und der lässige Score von Mowg (A Day, Silenced) darauf, ihm lieber aus ein paar Schritten Distanz zu folgen.
No Country for Women
Burning ist formal so einfach aber nicht zu fassen. Über seine Dauer entwickelt er schön wechselhafte und oft nicht genau definierbare Beziehungen zu seinen Protagonisten, den dokumentarisch erforschten Räumen und dem lyrisch-emphatischen Potenzial von beidem. Eine besonders frei arrangierte Szene folgt dem Dreiergespann beim Konsum eines Joints, der, zunächst etwas gewöhnlich, Jongsu zum Husten, Haemi zum Kichern und Ben zu einem überlegenen Lächeln führt. Doch ehe man sich versieht, beginnt Haemi zu tanzen, und die Kamera tut es ihr gleich, nutzt die Energie, um sich loszulösen von dem Dreiergespann und konzentriert sich schließlich auf eine scherenschnitthafte Einstellung eines Baums vor dem dunkel erleuchteten Nachthimmel. Für einen kurzen, vergänglichen Moment sind wir ganz bei ihrer Erfahrung – und die Blicke der beiden Männer auf sie spielen ausnahmsweise keine Rolle.
Haemi ist keine klassische femme fatale, doch ihr selbstgenügsamer Tanz, ihre Verführung Jongsus und der Wahnsinn, den sie auslöst, weist durchaus in die Richtung des Film Noir. In bester melodramatischer Tradition nutzt Burning immer wieder kleine Strategien der subjektiven Perspektivierung, um der latenten Ironie der ausweglosen Situationen etwas entgegenzustellen. Eindrücklich ist, wie Mysteryplot und Gesellschaftskritik ineinander greifen. Obwohl sich Lee ganz offensichtlich mehr für das Verhältnis der beiden so unterschiedlichen Männer und die Schere zwischen Arm und Reich interessiert, verweist er wiederholt auch auf die Position der Frau. Resigniert und lapidar lässt eine Kollegin von Haemi den Spruch „No Country for Women“ fallen. Das fasst das Verschwinden der Protagonistin eigentlich schon zusammen, hinausgedrängt aus der Geschichte, die sie bis zum Ende prägt.
Bedröppelt vor der Frage nach dem Genre
William Faulkner schreibt so, dass sich Jongsu selbst darin erkennt. Große Gatsbys dagegen gäbe es zu viele in Korea, erklärt er Haemi auf dem überdimensionierten Balkon von Bens luxuriöser Wohnung. Jongsu will Schriftsteller werden, doch es ist nicht allzu wahrscheinlich, dass er damit überhaupt ernsthaft begonnen hat. Gegen Ende fragt ihn Ben in seiner aufgeräumt-minimalistischen Küche nach dem Genre seines Romans. Jongsu steht mal wieder leicht bedröppelt da, mitten in der ihm so fremden Welt und bringt Burning auf den Punkt: „Das weiß ich nicht. Das Leben ist für mich ein Mysterium.“ Macht nichts, wenn der Film ihm nicht ganz glaubt. Später, wenn es brennt, werden die Zweifel schon noch verfliegen (critic.de).
Land/Jahr: 
RKO 2018
Länge:
148 Min.
Regie:
Lee Chang-Dong
Darsteller:
Yoo Ah-In, Steven Yeun, Jeon Jong-seo
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