Kinoptikum Landshut
ZWISCHEN DEN ZEILEN - Doubles vies frz. OmU
Sa  28.09. 18:30
So  29.09. 11:00
Di  01.10. 21:00
Mi  02.10. 18:30
FSK 6
Wer schläft mit wem, und welche Zukunft hat das gedruckte Wort? Eine Komödie als Wegweiser im Dickicht der digitalen Welt und eine perfekte Symbiose von Telenovela und intellektueller Zeitdiagnose.
Assayas tickt anders. In Zwischen den Zeilen schickt er Juliette Binoche, Guillaume Canet und Vincent Macaigne los, um die Buchkultur zu retten, oder die Liebe, falls das überhaupt einen Unterschied macht.
Die Bewegungen sind schnell, gerade die kleinen, die Liebe markieren. Worte fliegen durch die Luft, bleiben haften, auch wenn sie nur dahergesagt waren. Sie sind nicht selten Waffen, auch und gerade in amourösen Beziehungen. Wenn Leute gemeinsam essen, was sie oft tun, dann liegen die Teller fast immer auf Schößen, als ob die Menschen keine Zeit und keine Geduld dafür hätten, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen. Vermutlich hätten sie sogar politisch etwas dagegen. Das einzige Essen an einem Tisch in Doubles vies markiert jedenfalls eine Trennung – die zwischen einem Verleger, der sich modernisieren will, und seinem Autor, der an Veränderung nicht glaubt.
In jedem Streit eine Balz
Die Dynamisierung des Lebens und des Wortes, das Durcheinanderwirbeln von Konventionen, es ist Programm bei Olivier Assayas. Die Kämpfe in Zwischen den Zeilen (Doubles vies) – beschränkt man sie zumindest auf den einen offensichtlichen Kern, nämlich die Frage danach, ob es sich noch lohnt, Bücher zu drucken – scheinen zwar medial längst ausgefochten. Doch die Wirklichkeit und das Kino, sie ticken anders. Sie spüren dem Zeitgeist auf manchmal merkwürdige Weise nach. Und so meint man bald, Assayas den Schalk im Gesicht abzulesen, wenn er 2018 allen Ernstes einen Film über die Digitalisierung und das Verlagswesen liefert, in dem ununterbrochen debattiert wird, zwischen Menschen, die es zwar eilig haben, ständig aber Zeit finden, sich leibhaftig zu sehen. Vielleicht weil in fast jedem Streit auch eine Balz versteckt liegt. Olivier Assayas hat ein Stück Diskurskino gedreht, das gleichzeitig postdramatisch ist und wie ein Thriller funktioniert. Im Mittelpunkt stehen zwei Paare: Der Verleger (Guillaume Canet) heißt Alain und ist mit der Schauspielerin Selena (Juliette Binoche) verheiratet, der Autor Léonard (Vincent Macaigne) führt eine Beziehung mit Valérie (Nora Hamzawi), der Mitarbeiterin eines Abgeordneten. Dass mehr oder minder jeder von ihnen Affären hat, ist ein willkommener Anlass, die Analyse der Bedeutung der Worte sowohl ins Dramatische als auch ins Komische kippen zu lassen. Und dass Léonard in seinen Büchern nur leicht verschlüsselt Intimes von Menschen in seinem Umfeld offenbart, zementiert noch die Anspannung: Ist das fair? Wer setzt dafür die Regeln? Von hier zur #metoo-Debatte ist es nur noch ein Katzensprung.
Doppelte Leben
Assayas ist sich in Zwischen den Zeilen auch für Kalauer nicht zu schade, am offensichtlichsten etwa, wenn plötzlich von Juliette Binoche die Rede ist, die Léonards Roman als Hörbuch einsprechen könnte, und Juliette Binoche bietet, im Liegestuhl fläzend, an, sie könne einen Kontakt zu deren Agentur herstellen. Eine Szene, die beispielhaft für Assayas’ Vermögen ist, die Ebenen zu wechseln und den Spaß nicht zu vergessen. Am augenfälligsten ist das bei der Bildgestaltung, die eine Atemlosigkeit suggeriert, die in den Handlungen nicht wiederzufinden ist, und sogar konträr zu vielen der Thesen steht, die für die Haptik des Buchs ins Feld geführt werden. Die Kamera von Yorick Le Saux, der zuvor auch Personal Shopper und Clouds of Sils Maria mit Assayas gedreht hat, ermöglicht einmal wieder die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.
Die Spannbreite zwischen Doubles vies und Non-Fiction, dem französischen und dem englischen Titel, veranschaulicht die oszillierende Bewegung dieses Films; Assayas hat allem Anschein zum Trotz keinen Film „über“ einen Diskurs gemacht. Zu sehr interessiert er sich für die Menschen, die diese doppelten Leben sind, die einerseits doppelte Leben führen, aber andererseits und sicherlich wichtiger: aus anderen Perspektiven und durch die Kunst der Literatur zu einem anderen Leben werden. Mit dem Begriff des Postdramatischen, wie man ihn aus dem Theater kennt, verbindet sein neuer Film viel, nicht zuletzt die ständige Infragestellung der relevanten Wirklichkeitsebene: Zwischen Performance, Thesen, Trivia und emotional aufgeladenen Konflikten, die mal mehr, mal weniger ins Leere laufen, gibt es kaum Halt.
Keine Drehung zu viel
Assayas verbindet in Doubles vies die sehr offene Form seiner letzten Werke mit den lustvollen Paradoxien seiner Beziehungsreigen wie Ende August, Anfang September (Fin août, début septembre, 1998) und der kunsthistorisch-gesellschaftlichen Kritik eines Ende eines Sommers (L'heure d'été, 2008). Offensichtlicher und aufdringlicher als zuletzt entspringt der Film auch einer bildungsbürgerlichen Fantasie, die ans Lernen glaubt und an Nachhaltigkeit und an die Schönheit mancher sehr analoger Geste. In diesem Sinne gibt es durchaus einige Schließungen, die der eigentlich den Widerspruch liebenden Anordnung widersprechen. Eine Drehung zu viel? Doubles vies ist nebenbei auch ein Kommentar zur Vertrauenskrise in Politik und Medien. Dafür kann es gar nicht genug Volten geben (critic.de).
Land/Jahr: 
F 2018
Länge:
108 Min.
Regie:
Olivier Assayas
Darsteller:
Juliette Binoche, Guillaume Canet, Vincent Macaigne
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