Kinoptikum Landshut
ICH WAR ZUHAUSE, ABER …
Mo  28.10. 20:00
Di  29.10. 21:00
Do  31.10. 18:30
FSK 6
Ein Film, der zuhören kann, von der großen Wortkargen des deutschen Films
Schon seit längerer Zeit gibt es eine grässliche Modeerscheinung in der Musik: Hits, die gerne mit synthetischen Sounds arbeiten, werden zu akustischen Indie-Coverversionen verwurschtelt; so als müsste man beweisen, dass sich hinter all dem künstlichen Brimborium auch ein gut geschriebener Song und echte Emotionen verbergen. Wenn in „Ich war zuhause, aber" von David Bowies „Let’s Dance“ eine solche Version läuft, ist das allerdings schon deshalb nicht weiter schlimm, weil Angela Schanelecs neuer Film das Missverständnis solcher Interpretationen wieder ausbalanciert. Das Wahrhaftige sucht er gerade nicht in der vermeintlichen Authentizität, sndern in der Stilisierung. Allerdings sind sich Film und Song dann vielleicht doch näher als gedacht – zumindest wenn man die Coverversion als eine Verschiebung versteht; als Absicht, etwas anders darzustellen, um eine unterschiedliche Wirkung zu erzielen.
Angst, Einsamkeit, Unverstandensein
Ich war zuhause, aber handelt, grob gesagt, von einer Mutter (Maren Eggert), die nach dem Tod ihres Mannes mit ihrer Lebenssituation und mehr noch mit ihren anstrengenden (oder vielleicht eher von ihr als anstrengend empfundenen) Kindern ringt. Am Rand tauchen auch ein paar Nebenfiguren auf, am häufigsten ein etwas jüngeres Paar, das mit seiner baldigen Elternschaft überfordert ist. Man könnte sagen, der Film erzählt von Konstellationen – von der Familie oder der Paarbeziehung – , die zwar als gesellschaftliches Ideal gelten, aber nicht so leicht gelebt werden können. Denn auch wenn die Figuren hier nicht allein sind, so bleiben sie durch ihr Unvermögen, ihre Angst und Überforderung doch einsam.
Formalismus, der den Menschen nicht bezwingt
Auch Schanelecs Darsteller – es sind professionelle Schauspieler wie Franz Rogoswski und Devid Striesow ebenso wie Laien – erfüllen nicht ihre erwartete Rolle, weil sie offenbar nicht richtig spielen wollen. Dabei führt diese Reduktion zu zweierlei: Zum einen wird das Schauspiel von jeglichem Ornament befreit; die tiefe Melancholie der Figuren ebenso offengelegt wie die Eigenheiten in der physischen Präsenz der Darsteller. Oft geschieht das nur durch Details wie das Timbre der Stimme, die Körperhaltung oder ein Blinzeln; etwas Individuelles im Ausdruck, das von der Inszenierung nicht bezwungen werden will. Zum anderen führt diese emotionale Entschlackung aber auch zu einer Durchlässigkeit der Bilder. Schanelecs Filme mögen manchmal steif wirken, aber sie sind alles andere als karg oder leblos. Indem das Schauspiel zurückgenommen wird, treten andere Facetten umso stärker hervor: das Rauschen von Innenräumen, der Straßenlärm, das Rascheln der Blätter. Der Film mag von einem strengen Konzept durchdrungen sein, aber er kann auch zuhören, auf die Eigenheiten von Körpern und Orten eingehen. Die Kontrolle der Regie ist zwar stets sichtbar (zum Beispiel auch durch die Farbkomposition, wenn Mutter und Tochter beim Schwimmbadbesuch mit ihren pastellfarbenen Handtüchern perfekt auf die Umkleideschränke abgestimmt sind), aber sie ist nicht totalitär, sondern lässt das Unbezwingbare lediglich über Umwege einfließen.
Der Begriff der Verschiebung passt auch deshalb auf den Film, weil Schanelec einen Gegenstand nutzt, um von etwas anderem zu erzählen. Der Esel, den wir am Anfang und Schluss sehen, ist vermutlich als Verbeugung vor Zum Beispiel Balthasar (1966) gedacht (zum Kino von Robert Bresson scheint es die Regisseurin ohnehin immer stärker zu ziehen). Doch anders als bei ihrem französischen Kollegen dient hier kein Esel als Metapher für den zwischenmenschlichen Umgang, sondern ein gebrauchtes Fahrrad mit vielen Macken, das die Mutter genauso schnell loswerden will wie ihre Kinder.
Not a boy not yet a man
Streckenweise könnte man Ich war zuhause, aber als Meta-Film bezeichnen, allerdings ohne die Selbstgefälligkeit, mit der dieses Label oft schon als Qualität für sich gesehen wird. Wenn Maren Eggert ihrem Professor in einem längeren Monolog erklärt, warum der Film, den er gezeigt hat, so falsch ist und dabei vom Vortäuschen, von falschen Emotionen und einer reinen Körperlichkeit spricht, dann kommt man nicht umhin, sich vorzustellen, dass hier eigentlich gerade Schanelec ihr filmisches Programm erklärt. Und dann gibt es da noch die (manchmal vielleicht etwas zu ausgiebig gezeigten) Szenen, in denen Schulkinder Shakespeares „Hamlet“ proben und dabei noch ein gutes Stück ausdrucksloser agieren als ihre realen Ichs, so als müsste mit jedem weiteren Schritt in die Fiktionalisierung noch mehr vom Ausdruck beseitigt werden. Dass in diesen Probenszenen nur Jugendliche zu sehen sind, ist sicher kein Zufall. Maren Eggert erklärt einmal anhand ihres Sohnes, dass er irgendwie schon ein Mann ist, zugleich aber auch noch nicht. Selbst wenn die jungen Menschen hier schon eine schwere Melancholie in sich tragen – die sie, kombiniert mit den stilisierten Posen, wie Heiligenfiguren aus Renaissance- oder Barockgemälden wirken lässt –, gibt es etwas Grundlegendes, was sie von den Erwachsenen unterscheidet: Sie fassen ihren Schmerz noch nicht in Worte und bleiben dadurch auch schwerer greifbar. Das Theaterspielen in der Schule wirkt damit wie eine Ersatzhandlung, um überhaupt erst eine Stimme zu finden. Es ist ein bisschen wie bei Schanelec selbst: Erst die strenge Form öffnet die Tür zur Wahrheit (critic.de).
Land/Jahr: 
D/SRB 2019
Länge:
105 Min.
Regie:
Angela Schanelec
Darsteller:
Maren Eggert, Jakob Lassalle, Franz Rogowski, Lucas Confurius
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