Kinoptikum Landshut
DIE KINDER DER TOTEN  Cinema Obscure
Do 16.01. 
21:00 
Sa 18.01. 
21:00 
Fr 24.01. 
20:00 
FSK 12
Eine durchgeknallte und tabufreie Zombie-Groteske aus dunkelster, österreichischer Seele
Nazis, Nekrophilie, Inzest: Ein amerikanisches Regie-Duo adaptiert einen Jelinek-Roman, ohne ihn je gelesen zu haben. Das Ergebnis ist blödsinnig, ekelhaft und geschmacklos – und ein Heidenspaß.
Wohl kaum ein anderes Land hasst sich selbst mit solcher Inbrunst wie Österreich. Ob bei Thomas Bernhard, Elfriede Jelinek oder Ulrich Seidl – die kulturelle Autoaggression ist so tief in viele Werke eingeschrieben, dass das alte Wort von „Felix Austria“ einen selbstironischen Nachklang bekommt. Ulrich Seidl war an Die Kinder der Toten als Produzent beteiligt, die literarische Vorlage stammt von Elfriede Jelinek. Das amerikanische Regie-Duo Kelly Copper und Pavol Liska hat diese Vorlage nie gelesen, stattdessen haben sich die beiden von Lesern erzählen lassen, woran sie sich erinnern. „Und auf Wikipedia steht auch was“, versicherte Liska bei der Berlinale-Premiere. Top Voraussetzungen also!
Copper und Liska stammen aus der Performancekunst und treten meist unter dem Namen Nature Theater of Oklahoma auf. Mit dem US-Bundesstaat haben die beiden allerdings nichts zu tun – der Name ist eine Anspielung auf den (Teil-)Österreicher Kafka. Ihr Regiedebüt spielt in Titel und Plot wiederum auf die zahllosen ...of the Dead-Zombiefilme von George Romero & Co an. Wobei Plot hier ein sehr großzügiges Wort ist. Wir folgen mehreren ineinander verschränkten Episoden in der Steiermark: Neben Zombies lernen wir ein notgeiles altes Paar kennen sowie eine hexenhafte Mutter und ihre erwachsene Tochter, die einander mit einer Boshaftigkeit hassen, wie sie nur Jelinek-Figuren drauf haben: „Du bist einfach nicht mein Typ, was Töchter angeht. Ich habe tief in mir nach Liebe für dich gesucht, aber keine gefunden. Du bist unliebbar.“ Dann ist da noch der depressive Förster, ein Bus mit holländischen Touristen und eine Gruppe syrischer Lyriker, die sich auf dem Weg zur Pension Alpenrose auf die dortige „Styrian Cuisine“ freuen, leider aber das „t“ übersehen haben und schließlich statt Delikatessen nur Fremdenfeindlichkeit finden.
Später artet in der Alpenrose ein wilder Tanz ums Murmeltier dermaßen aus, dass sich daraus keine Kissen- sondern eine Fischschlacht – und Sex – zwischen Lebenden und Untoten entwickelt. Lebende verwandeln sich in Die Kinder der Toten unter blut- und fleischreichen Umständen (Hallo, Hermann Nitsch!) in Tote und erstehen dann im von einer Nazi-Witwe geführten Kino wieder auf, während die Blaskapelle Trauermärsche spielt. Im Dorfkern konkurrieren des Nachts eine „Palatschinken-Parade“ und ein Faschingsumzug „bekannter toter Österreicher“. Und ja, der, an den man dabei zuerst denkt, ist natürlich auch mit von der Partie...
Wenn sich das alles ziemlich blödsinnig anhört, dann liegt das daran, dass es alles ziemlich blödsinnig ist – im allerbesten Sinne. Copper und Liska toben sich beim Ausdenken alberner Szenen so richtig aus und das Ensemble aus Laiendarstellern hat sichtbar viel Spaß dabei. Selbst die Steiermark’schen Rindviecher lassen sich darauf ein und reißen die vierte Wand nieder, indem sie uns im Kino direkt anstarren. All das Blut und Fleisch im Film, der Sex und vor allem das Essen und Kauen der Menschen sind widerwärtig. Und wenn Untote mit Hakenkreuz-Armband und Untote mit Judenstern gemeinsam tanzen, dann ist das auch noch vollkommen geschmacklos. Für Copper und Liska gibt es keine Tabus, vielleicht weil sie als Amerikaner von jeglicher moralischen Last der deutsch-österreichischen Geschichte befreit sind.
Aus dieser Unbekümmertheit erwächst eine anarchisch-trashige Heimatfilmparodie, die sich auch als „Friedhof der Kuscheltiere meets Guy Maddin“ beschreiben ließe. Die unheilige Auferstehung der Toten zeigen Copper und Liska im Stummfilm-Stil: Die körnigen 8mm-Aufnahmen sind ausgeblichen und von Rissen und Flecken übersät. Ab und zu „reißt“ das Material. Anstelle des Originaltons hören wir nachvertonte Geräusche. Sprache wird durch Zwischentitel ersetzt, die mal die Handlung beschreiben und sie mal ironisch kommentieren („die langsamste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte“). Der Schnitt ist oft hektisch, die Kameraarbeit betont amateurhaft.
Manchmal mag Die Kinder der Toten etwas ziellos um sich schießen, weil dem Regie-Duo mangels Zugehörigkeit zur österreichischen Kultur die Präzision bei der Austria-Kasteiung abgeht. Doch selbst während der paar Längen im Mittelteil verlangt der Film seinem Publikum eine Haltung ab. Dieser hemmungslosen Groteske indifferent gegenüberzustehen, ist nahezu unmöglich Die Kinder der Toten ist ein Werk, das man wohl lieben oder hassen muss. Das würde man sich bei all dem filmischen Mittelmaß, das die Berlinale bevölkert, häufiger wünschen. (critic.de)
Land/Jahr: 
Ö 2018
Länge:
90 Min.
Regie:
Kelly Copper, Pavol Liska
Darsteller:
Andrea Maier, Greta Kostka, Klaus Unterrieder
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