Kinoptikum Landshut
DER SCHLIMMSTE MENSCH DER WELT - Verdens verste menneske
Fr 02.09. 
18:00 
Sa 03.09. 
20:30 
Di 06.09. 
19:00 
Do 15.09. 
20:30 
Mo 19.09. 
19:00 
FSK 12
Eine ausgesprochen amüsante und pfiffige RomCom auf nordische Art und zugleich ein Generations- und Zeitportrait
Welchen Weg will ich beruflich einschlagen? Was soll ich studieren? Wann ist die Phase des Ausprobierens abgeschlossen? Und wie sieht es mit Partnerschaft und Familienplanung aus? Fragen über Fragen beschäftigen in „Der schlimmste Mensch der Welt“ die fast 30-jährige Protagonistin Julie (Renate Reinsve), die, wie uns ein Schnelldurchlauf zu Beginn vor Augen führt, gleich mehrere Arbeitsfelder erforscht. Medizin, Psychologie und Fotografie versetzen sie kurzzeitig in Begeisterung. Wirklich festlegen kann sich die junge Frau jedoch nicht, jobbt daher zunächst weiter in einer Buchhandlung und ist genervt, wenn sie in jedem zweiten Gespräch nach ihren Ambitionen gefragt wird. Die Auswahlmöglichkeiten mögen so groß wie nie zuvor sein. Gerade das hemmt allerdings auch die Entscheidungsfreudigkeit. Zudem spürt sie ständig Druck von außen.
Thema sind diese Dinge nicht zuletzt in ihrer Beziehung mit dem rund 15 Jahre älteren Comicautor Aksel (Anders Danielsen Lie), der im Gegensatz zu ihr mit seinen provokanten Arbeiten einen erfolgreichen Karriereweg beschreitet. Er selbst fühlt sich in einer Lebensphase angekommen, in der es langsam Zeit wird für eine eigene Familie. Julie hingegen glaubt, dafür noch nicht bereit zu sein, möchte vorher andere Erfahrungen sammeln und zweifelt deshalb zunehmend an ihrer Partnerschaft. Erst recht, als sie auf einer Hochzeit, zu der sie sich uneingeladen Zutritt verschafft, den sympathischen, ähnlich unentschlossenen Eivind (Herbert Nordrum) kennenlernt.
In Interviews beschreibt Joachim Trier sein neues Werk selbst als Liebesfilm. Wer dabei aber an eine romantische Komödie nach Hollywood-Strickmuster denkt, wird schnell eines Besseren belehrt. „Der schlimmste Mensch der Welt“ ist anders, aber in vielen Momenten trotzdem emotional packender als die nach Drehbuchformeln ablaufenden Romanzen, die man sonst vorgesetzt bekommt. Schon die Hauptfigur präsentiert sich in Renate Reinsves kraftvoller Darbietung deutlich widerspenstiger und komplexer. Julie ist sprunghaft, schwer fassbar, sucht nach ihrem Platz im Leben, richtet ihren Ärger über die eigene Unzufriedenheit mitunter gegen andere. Und doch kann man in vielen Augenblicken mit ihr mitfühlen, sie verstehen und folgt ihr gerne auf ihrem kurvenreichen Weg.
Standardsituationen des romantischen Kinos wandeln Trier und Ko-Drehbuchautor Eskil Vogt, mit dem er schon lange zusammenarbeitet, immer wieder auf clevere, unterhaltsame Weise ab. Ein Flirt wird hier zu einem herrlich unkonventionellen Ereignis. Und bei einer Trennung lassen die Macher unterschiedliche Stimmungsfacetten zu, halten die Szene länger, als man es gewohnt ist, was sie viel wahrhaftiger erscheinen lässt. Schön ist auch, dass die nie wirklich ausrechenbare Handlung permanent mit klugen Beobachtungen und Einsichten über das Individuum und die gesellschaftlichen Bedingungen aufwartet. Themen wie Sexismus und eine bewusstere Lebensweise werden meistens unverkrampft eingeflochten. Bloß gelegentlich wirken die Einwürfe vielleicht etwas überambitioniert. Nicht gebraucht hätte es die Einteilung in 12 Kapitel plus Prolog und Epilog und eine bis zum Ende nebulös bleibende, sich sporadisch einschaltende Erzählerin.
Trier aus dem Rahmen fallender Ansatz beschränkt sich nicht nur auf die Ebenen der Geschichte und der Charaktere. Auch die Inszenierung und die Bilder strotzen nur so vor eigenwilligen, kreativen Einfällen. Grandios ist etwa die Passage, in der eine frischverliebte Julie durch die Straßen Oslos rennt, in denen buchstäblich alles stillsteht. Wenngleich sich diese Sequenz als Tagtraum entpuppt, vermittelt sie in fast schon poetischer Manier den Gemütszustand der Protagonistin. Weil der Regisseur regelmäßig solche starken Impressionen findet, seinem Plot spannende Wendungen gibt und das Ensemble, allen voran die in Cannes für ihre Leistung ausgezeichnete Hauptdarstellerin, überzeugend aufspielt, wird es keine Sekunde langweilig.
(programmkino.de)
Land/Jahr: 
N 2021
Länge:
128 Min.
Regie:
Joachim Trier
Darsteller:
Renate Reinsve, Anders Danielsen Lie, Herbert Nordrum
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