Kinoptikum Landshut
MOONAGE DAYDREAM OmU
So 01.01. 
19:00 
FSK 12
Ins neue Jahr mit Ziggy Stardust: Eine fulminant in Szene gesetzte, visuell überbordende Symphonie über "den Mann, der vom Himmel fiel"
Die Arbeiten an Moonage Daydream begannen für Brett Morgen bereits kurz nach dem überraschenden Tod von David Robert Jones (so Bowies bürgerlicher Name) am 08. Januar 2016. Bowie hatte seine Krebserkrankung weitestgehend geheim gehalten. Für seine Arbeit erhielt der Filmemacher Zugang zu unzähligen Stunden an Filmmaterial, Audiodokumenten, Fotos und natürlich auch Musikaufnahmen aus dem wohlbehüteten Archiv der David-Bowie-Nachlassverwaltung.
Aus diesem Material hat Brett Morgen nun einen Film über David Bowie gemacht, wobei das Wort „über“ sich als schlussendlich falsch entpuppt. Denn Moonage Daydream spricht nie über David Bowie, sondern lässt ihn ausschließlich selbst und mit anderen über sich sprechen. So gibt es im Film keine einzige Dokumentarfilm-typische Talking-Head-Sequenz, in der ein Protagonist über das entsprechende Subjekt redet. In Moonage Daydream sehen und hören wir David Bowie in zahlreichen Interviews über sich selbst, seine Kunst und seine Lebensphilosophien sprechen. Eine wirkliche Struktur hat Moonage Daydream dabei nur am Rande, so bewegt sich der Film zwar chronologisch durch Bowies Leben, erlaubt sich aber etliche Sprünge durch die Zeit und vermengt das Archivmaterial zu einer Kaleidoskop-artigen Erfahrung für die Zuschauenden.
Einen sehr großen Raum nimmt dabei auch David Bowies Musik ein. Dabei wechselt Moonage Daydream zwischen einigen seiner bekannteren Pop-Hits, aber auch mit seiner avantgardistischeren Musik. So gibt es unter anderem Space Oddity, Life on Mars und Let’s Dance zu hören, aber auch Bowies experimentelle elektronische Instrumentalstücke, die er zusammen mit Brian Eno für die Alben Low und Heroes komponierte, untermalen viele Sequenzen des Films. Moonage Daydream entwickelt dabei einige seiner stärksten Momente, wenn Bowies Musik mit seinen Aussagen und den gezeigten Archivaufnahmen durch den Filmschnitt eine perfekte optische und inhaltliche Symbiose bilden. Alle Elemente ergänzen sich gegenseitig und erklären sich, ohne dass jene explizit ausgesprochen werden müssen.
Im Kontrast zu dieser intensiven Clip-Ästhetik, bietet der Film auch einige Live-Darbietungen von Bowie, die gänzlich unkommentiert bleiben. Unter anderem gibt es zuvor nie gezeigte Momente von David Bowies letztem Auftritt als sein damaliges Alter Ego Ziggy Stardust (1973) und eine Darbietung seines wohl inzwischen ikonischsten Songs Heroes auf der Isolar-2-Tour (1978) zu sehen. Diese bisher unveröffentlichten Aufnahmen dürften dabei vor allem für David-Bowie-Fans zu den größten Highlights des Films zählen.
In diesen Momenten geht Bowie ganz in der Kunstfigur auf, als die er sich lange Zeit gerne selbst inszenierte. Der mysteriöse Reiz hinter der Persona David Bowie lässt sich dadurch in Ansätzen verstehen. Dabei ist es auch sehr passend, dass der Film nur sehr wenig über David Bowies Privatleben verhandelt. Lediglich das tragische Schicksal seines Halbbruders Terry Jones und seine spätere Ehe mit Iman Abdulmajid werden kurz umrissen. Diese bewusste Zurückhaltung von Informationen ist dabei besonders mutig, wenn man bedenkt, dass viele andere Filme über Musiker*innen (egal ob in dokumentarischer oder fiktionalisierter Form) häufig eben vor allem den menschlichen Aspekten der entsprechenden Person widmen.
In Moonage Daydream ist der Zuschauende selbst gefordert, sich die Figur David Bowie mithilfe von dessen Musik, Malerei, Auftritten als Schauspieler und Gesprächen über Philosophie, Arbeitsweise und Vorstellungen vom Leben selbst zu erklären. Letzteres scheint Regisseur Brett Morgan besonders zu interessieren. Mit Moonage Daydream „nur“ einen David Bowie-Film zu kreieren, reicht ihm nicht aus, vielmehr beschäftigt ihn zusätzlich auch noch die Frage nach dem Sinn des Lebens, die den gesamten Film begleitet. Der Grund für diese zusätzliche Metaebene findet sich dabei in einem Herzinfarkt, den Brett Morgen kurz nach dem Beginn der Filmarbeiten erlitt. Seine Nahtoderfahrung verarbeitete er anschließend in den Aussagen von David Bowie selbst und fragt seine Zuschauenden durch den Popstar, worin diese nun selbst den Wert des Lebens sehen.
Beantworten kann der Film diese Frage selbstverständlich nicht, aber sie dient dem Film als inhaltlicher Bogen und in Kombinationen mit dem audiovisuellen Bombast fühlt man sich beim Ansehen des Öfteren an Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (dessen Protagonist übrigens David Bowman heißt) oder auch das Schaffen von Terrence Malick (insbesondere Voyage of Time) erinnert.
Dass diese esoterische Ebene dem Film nicht schadet, liegt dabei wieder an dem herausragenden Filmschnitt, der selbst diese Metaebene subtil mit in dem Film einarbeiten kann und ihm somit sogar noch einen zusätzlichen emotionalen Unterbau verleiht, indem sowohl David Bowies Leben als auch das Leben im Allgemeinen zelebriert werden.
Moonage Daydream ist somit ein durchaus komplexer Film geworden, der die Zuschauenden mit vielen Fragen konfrontiert. In seiner unkonventionellen Machart fällt der Film gleichermaßen faszinierend wie anspruchsvoll aus und fungiert dabei auch als Einladung, sich noch intensiver mit der Philosophie und dem Werk von David Bowie zu beschäftigen. (kino-zeit.de)
Land/Jahr: 
USA 2022
Länge:
140 Min.
Regie:
Brett Morgen
Darsteller:
David Bowie
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