Kinoptikum Landshut
RHEINGOLD
Fr 06.01. 
20:30 
Sa 07.01. 
18:00 
Di 10.01. 
19:00 
Do 12.01. 
20:30 
Sa 14.01. 
20:30 
FSK 16
Aus dem Ghetto in die Charts: Fatih Akins wilder Mix aus Sozialdrama, Milieustudie und Heist-Movie mit einer gehörigen Portion Gangsterrap-Romantik
Wenn es einen deutschen Filmemacher gab, auf den sich das zahlende Publikum, die Kritik und die Festivaljurys in den vergangenen 20 Jahren einigen konnten, dann war es Fatih Akin. Abseits der Programmkinos sind Bären-Gewinner häufig Kassengift, Akins „Gegen die Wand“ wollten 2004 mehr als eine Dreiviertelmillion Menschen sehen. Sein neuestes Werk könnte noch erfolgreicher werden. Denn im Zentrum steht eine Figur, die ihre eigene Fanbase mitbringt; ein Einwandererkind, das den Gangster im Gangsterrapper wörtlich nimmt. Die Chancen auf einen Kassenschlager stehen aber auch deshalb so gut, weil Akin sich auf seine alten Stärken besinnt.
In Deutschland gibt es Stars, von denen viele gar nichts mitbekommen. Selbst Fatih Akin, dem der Musiker und Selfmademan Giwar Hajabi aka Xatar schon vor der Verfilmung von dessen Leben ein Begriff war, war von Xatars Popularität überrascht. In einem Fernsehinterview gab Akin fasziniert zu Protokoll, wie Xatar in jedem „Ghetto“, in dem er aufkreuze, sofort alle Aufmerksamkeit auf sich ziehe. Jedes Kind kenne seine Namen, wolle ein Selfie mit ihm machen – und alle fragten ihn nach dem Gold.
Hinter dem Gold sind auch die Syrer her. Das Jahr ist 2010, Xatar heißt noch Giwar, ist noch kein Rapper, sondern Gangster und nach einem schlagzeilenmachenden Goldraub auf der Flucht vor den deutschen Behörden in Syrien im Knast gelandet. Hier schließt sich ein Kreis, der erzählerisch eine lange Rückblende aufstößt. Denn der 1981 in der iranischen Provinz Kordestan geborene Giwar Hajabi saß bereits als kleines Kind im Gefängnis.
Sein Vater war Komponist, der allein schon durch seine Profession den Zorn des Ayatollah-Regimes auf sich zog, seine Mutter wurde zur kurdischen Freiheitskämpferin. Akin inszeniert diese Episoden bildgewaltig, kurz und schmerzvoll. Mitten in einem Konzert metzeln Milizionäre Musiker und Publikum nieder. Die bereits schwangere Mutter (Mona Pirzad) rettet ihrem Mann (Kardo Razzazi) gedankenschnell das Leben. Kurze Zeit später, während des Ersten Golfkriegs, gebiert sie ganz allein in einer Höhle unter heftigem Beschuss ihren Sohn. Anfang der 1980er Jahre fliehen die Eltern über die Grenze in den Irak und landen im Gefängnis. Giwars erste Erinnerungen sind die an ein Leben hinter Gittern, bevor die Familie Mitte der 1980er Jahre mithilfe des Roten Kreuzes aus der Haft geholt wird und über die französische in die westdeutsche Hauptstadt gelangt.
Auch das Leben dort ist abgeriegelt. In einem Hochhaus im Bonner Ortsteil Brüser Berg könnte der kleine Giwar räumlich kaum weiter entfernt sein von der westdeutschen Elite. Später wird er hier auf Streetballplätzen erst Videokassetten mit Pornos, dann Drogen dealen. Mit seinem Mix aus Härte und Humor strickt Akin zwar kräftig mit an Xatars Legende, geht diesem klebrigen Geflecht aus amüsanten Anekdoten und Ausschmückungen aber nie gänzlich auf den Leim. Sein Film ist zwar von Xatars 2015 erschienener und wie dessen Debütalbum betitelter Autobiografie Alles oder nix inspiriert, nimmt sich aber seine Freiheiten. Etwa die, der Erzählung des im Krieg geborenen und im Knast zu Bewusstsein gelangten Kindes, dessen Weg zurück in den Knast (und von dort an die Spitze der Musik-Charts) führt, etwas entgegenzusetzen.
Denn als Sohn zweier Bildungsbürger ist Giwar den Eliten geistig keineswegs fern. Ihm standen ganz andere Wege offen als den meisten Kindern um ihn herum. Er erhält Klavierunterricht, den sich die Eltern vom Mund absparen und für den seine Mutter, nachdem ihr Mann seine Koffer gepackt und die Familie verlassen hat, putzen geht. Dass nicht jeder, der aus einem Problemviertel stammt, später im Leben Probleme bekommt, dafür sind Giwars jüngere Schwester und das Nachbarmädchen Shirin die besten Beispiele. Mehrmals gabelt sich der Weg und es ist nicht Schicksal, sondern die eigene Entscheidung des Protagonisten, den falschen davon einzuschlagen.
Als Heranwachsender ist Giwar auf der Suche nach dem schnellen Geld, nach Anerkennung und Macht, so wie es das sagenumwobene Rheingold aus Wagners gleichnamiger Oper verspricht, bei deren Probe er einmal als Junge mit seinem Vater in der Bonner Oper zugegen war. Giwars Weg dorthin führt nicht über die Schule, sondern über die Straße. Sich dort einen Namen zu machen, bedeutet, Angst zu verbreiten. Durch die Boxhalle gestählt, legt sich so schnell keiner mehr mit ihm an – ob in seinem alten Kiez, in dem er Jagd auf seine ehemaligen Peiniger macht, oder in Amsterdam, wo er eigentlich Musik studieren will, dann aber erst ins Türsteher-Geschäft und schließlich in den Drogenhandel einsteigt. Hier wechselt skurrile Situationskomik mit ansatzloser Gewalt.
Wer sich beim Gedanken an Fatih Akin nur an Filme wie Im Juli (2000), Solino (2002), Auf der anderen Seite (2007), Soul Kitchen (2009) oder die Romanverfilmung Tschick (2016) erinnert, der wird über den konstanten Wechsel der Tonalität womöglich erschrecken. Akin stand vom Beginn seiner Karriere an aber auch immer für das Rohe, Grobe und Ungefilterte. Dann trafen der Humor, Humanismus und die Hoffnung aus den oben aufgezählten Filmen auf den Exzess und auf Brutalität. Herausgekommen sind dabei Filme wie sein Debüt Kurz und schmerzlos (1998), wie der eingangs erwähnte Gegen die Wand (2004) und Aus dem Nichts (2017). Nur wenn Akin die Hoffnung völlig fahren ließ, verstörte die Gewalt vollkommen wie zuletzt in seiner Romanadaption Der goldene Handschuh (2019).
Rheingold ist nun von allem etwas, Akin in Reinform quasi. Einwandererschicksal trifft auf Gangsterfilm, Coming-of-Age-Drama auf Heist Movie, hartes Straßenleben auf deutsche Hochkultur. Akins Held heißt nicht Siegfried, sondern Xatar, dessen Name nicht für Sieg und Frieden, sondern für Gefahr steht. Emilio Sakraya verkörpert ihn fulminant, spielt wuchtig, witzig, lausbübisch und wird dabei von einem herausragenden Ensemble assistiert, aus dem wiederum Arman Kashani als Giwars schlitzohriger und einflussreicher Bekannter aus Kindheitstagen heraussticht.
Mit visuell meisterhaft in Szene gesetzten Übergängen, langem Atem und mäandernd erzählt, will Fatih Akin am Ende zu viel. Seinen Mut, der Ausschweifung und Abschweifung zu frönen, muss man aber bewundern. Letzten Endes strebt der Regisseur mit diesem Film nach allem oder nichts und kommt seinem Ziel erstaunlich nahe.
(kino-zeit.de)
Land/Jahr: 
D 2022
Länge:
140 Min.
Regie:
Fatih Akin
Darsteller:
Emilio Sakraya, Karim Günes, Sogol Faghani
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