GENTLE MONSTER

Zwei Frauen im Ringen mit Gewissheiten in einer "Man´s World"

AT/D 2026, 114 Min. FSK 16

Regie: Marie Kreutzer
mit Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase

Greta
GENTLE MONSTER

Der Eindruck, die Lage habe sich in jüngerer Zeit erst zugespitzt, ist freilich trügerisch. Sichtbarer geworden ist vor allem die öffentliche Auseinandersetzung mit Fällen, in denen der Täter aus dem unmittelbaren persönlichen Umfeld stammt. Aufgrund von Prominenz oder besonderer Drastik gelangen sie häufiger in die mediale Öffentlichkeit – und stoßen dort inzwischen zumindest breitere Debatten an.
Marie Kreutzer hat mit Gentle Monster nun einen Film geschaffen, der von der verstörenden Erfahrung erzählt, wenn die Gewissheit über einen geliebten Mann, den eigenen Partner, oder gar Ehemann schlagartig ins Wanken gerät – und den schmerzhaften Prozess, sich eingestehen zu müssen, einen Menschen womöglich nie wirklich gekannt zu haben.
Die österreichische Regisseurin dürfte von einem realen Fall zumindest zusätzlich dazu inspiriert worden sein, sich diesem Thema filmisch anzunähern: Etwa anderthalb Jahre nachdem Marie Kreutzers Corsage (2022) – eine feministische Lesart der „Sissi“-Biografie – seine Premiere feierte, wurde Florian Teichtmeister und damit der männliche Hauptdarsteller des Films wegen des Besitzes von Missbrauchsdarstellungen von Kindern verurteilt.
In Gentle Monster ist es die Musikerin Lucy Weiss (Léa Seydoux), die gerade erst mit ihrem Ehemann Philip (Laurence Rupp) und dem gemeinsamen Sohn Johnny (Malo Blanchet) aufs Land gezogen ist, als plötzlich die Polizei vor der Tür steht. Philip, zuvor als ausgebrannter Dokumentarfilmer eingeführt, wirkt dabei keineswegs überrascht vom Besuch der Beamten – eher erschrocken, ertappt.
Während die Ermittler sämtliche technischen Geräte beschlagnahmen, erfährt Lucy zunächst nicht, worum es überhaupt geht. Diese radikale Verunsicherung, die Unfähigkeit, wirklich zu wissen und seinen eigenen Schlüssen noch zu trauen, bildet das zentrale Motiv des Films, das Gentle Monster in seiner Zersetzungskraft erfahrbar macht.
Gemeinsam mit einer faszinierend nuanciert aufspielenden Léa Seydoux, die schon mit einem einzigen Blick ein Gefühl existenzieller Traurigkeit erzeugen kann, bleibt auch das Publikum über weite Strecken im Schwebezustand. Was ist dran an Philips spät vorgebrachter Behauptung, er habe Fotos und Filme lediglich zu Recherchezwecken gesammelt? Wie hat er sich dem gemeinsamen Sohn gegenüber verhalten? Hat er ihm Gewalt angetan – und existiert womöglich auch von Johnny Material in einschlägigen Foren?
Trotz der inhärenten Drastik des Themas verweigert sich Marie Kreutzer einer effektheischenden Zuspitzung. Die Inszenierung von Gentle Monster ist über weite Passagen gar von einer beinahe dokumentarischen Nüchternheit geprägt, die Kamera von Judith Kaufmann bleibt den Figuren nahe, ohne das Geschehen ästhetisch zu überhöhen. Auch der Schnitt von Ulrike Kofler verzichtet auf dramatische Effekte.
Zugleich gehört es wohl ebenfalls zum realistischen Anspruch des Films, dass die Erzählung gelegentlich ins Mäandern gerät. Als Lucy etwa mit ihrem Sohn vorübergehend in der Stadtwohnung ihrer Mutter Eloise (Catherine Deneuve) unterkommt, ohne sich ihr anzuvertrauen, verlangsamt sich das Tempo spürbar. Doch gerade in diesen scheinbar ziellosen Bewegungen artikuliert sich eine Suche nach Halt – oder zumindest nach einem provisorischen Entkommen aus einem Raum, der unbewohnbar geworden ist.
Doch Gentle Monster ist ebenso ein Film über die erschreckende Alltäglichkeit dessen, was man fast beschönigend als Übergriffigkeit bezeichnet. In einem zweiten Handlungsstrang folgt der Film der Polizistin Elsa Kühn (hervorragend in einer ungewöhnlich ernsten Rolle: Jella Haase), wodurch die Erzählung um eine seltene, damit umso bereicherndere Perspektive erweitert wird.
Elsa begegnet regelmäßig den fassungslosen Partnerinnen pädophiler Täter und hat darüber jedes Vertrauen in andere Menschen verloren. Sie kümmert sich daneben auch um ihren an Demenz erkrankten Vater Hermann (Sylvester Groth). Dieser behandelt die ausländische Pflegekraft (Sara Sukarie) nicht nur mit offener Geringschätzung – etwa, wenn er sich darüber mokiert, dass sie „nicht einmal Arthur Schnitzler“ kenne –, sondern belästigt sie zudem körperlich.
Exakt in solchen Momenten zeigt sich die besondere Stärke von Marie Kreutzers durchdachtem Film: nicht in großen Anklagen, sondern in präzisen Beobachtungen gemeinhin akzeptierter Machtverhältnisse. Dass Elsa als Tochter selbstverständlich den Großteil der familiären Verantwortung übernimmt, während ihr Bruder (Johannes Kienast) sich mit sporadischen Besuchen begnügt und dennoch das geschätzte Kind ist, wird beinahe beiläufig sichtbar gemacht.
Gentle Monster interessiert sich allerdings nicht allein für die stillen Ungleichgewichte zwischen Männern und Frauen, sondern ebenso für die fragilen Formen weiblicher Solidarität, die daraus entstehen können. Elsas und Lucys Wege kreuzen sich immer wieder, und mit jeder Begegnung drängt sich die Frage nach Verantwortung neu auf. Soll Elsa Lucy sagen, was sie gesehen hat? Ihr klarmachen, dass auch die nächste Ausrede ihres Mannes, er habe mit Missbrauchsdarstellungen „gedealt“, um das Haus zu finanzieren, nichts als grotesker Unsinn ist?
Der Film verweigert auch hier eindeutige Antworten und hält stattdessen an der Zumutung fest, Ambivalenzen auszuhalten. Mitunter hätte Gentle Monster von größerer erzählerischer Stringenz profitiert. Und doch sind es gerade die zahlreichen Mikrobeobachtungen, die ihn tragen, die so treffend sind. Etwa wenn Lucy auf der Bühne bekannte Liebeslieder männlicher Popstars dekonstruiert und darin eine eigentümliche Diskrepanz erkennt: Männer, so die verbreitete Annahme, sprechen kaum über ihre Gefühle – und doch hören wir ihnen dabei unablässig zu.
Dieses Werk ist spürbar auch aus einer Wut heraus entstanden: auf männliche Dominanzgesten und auf gesellschaftliche Mechanismen, die solche Verhältnisse ermöglichen und tolerieren. Doch Gentle Monster trägt diese Wut nicht demonstrativ vor sich her. Der Film schäumt nicht – er zeigt einfach, wie es allzu oft ist.
Darin liegt seine Sprengkraft. Viele Zuschauerinnen und Zuschauer werden sich in diesen Momenten wiederfinden. Dass genau diese Wiedererkennbarkeit dem Film in der Rezeption zum Verhängnis werden könnte, ist eine bittere Pointe: Es wäre eine weitere Illusion zu glauben, das Publikum – egal ob männlich oder weiblich – wolle sich die eigene Wirklichkeit nur allzu gerne vor Augen führen. (kino-zeit.de)

Land/Jahr: 
AT/D 2026
Länge:
114 Min.
Regie:
Marie Kreutzer
Darsteller:
Léa Seydoux, Catherine Deneuve, Jella Haase