DAS GETRÄUMTE ABENTEUER

(OmU/DF)

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Eine stille Ausgrabung von Geschichte(n) am Rande Europas

BG/D/F/AT 2026, 167 Min. FSK 12

Regie: Valeska Grisebach
mit Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifo, Stoicho Kostadinov

Greta
DAS GETRÄUMTE ABENTEUER

Ihr Beruf führt die Archäologin Veska (Yana Radeva) zurück in ihre Heimat. Dort, in der Stadt Svilengrad in der Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei, wird sie von Saïd (Syuleyman Alilov Letifo) überrascht. Der ist ein alter Bekannter von Veska. Die beiden kennen sich aus den Rhodopen und nun sitzt er in Svilengrad fest, denn ihm wurde sein Auto geklaut. Veska nimmt ihn deshalb unter ihre Fittiche und für einen Tag mit zu einer Ausgrabungsstätte. Am nächsten Tag fehlt von Saïd jede Spur. Auf der Suche nach ihm dringt Veska immer tiefer in die dunklen Geheimnis von Saïd vor...
Die Archäologin Veska ist für ein Ausgrabungsprojekt in ihre Heimatstadt Svilengrad zurückgekehrt, in die Grenzregion zwischen Bulgarien, Griechenland und der Türkei. Überraschend trifft sie auf Said, einen alten Bekannten aus den Rhodopen, den undurchsichtige Geschäfte nach Svilengrad geführt haben. Saids Auto ist gestohlen worden, und Veska lädt ihn ein, den Tag mit ihr auf der Ausgrabungsstätte zu verbringen. Es ist ein glücklicher Tag voller Vertrautheit, ein Tag wie ein Versprechen. Am nächsten Morgen ist Said verschwunden.
Veska folgt den Spuren Saids und dringt dabei immer tiefer in die verborgenen Schichten und Verhältnisse der Stadt und ihrer Menschen vor – Geschichten aus der Zeit des großen Umbruchs in den 90er Jahren, von Freiheit und geplatzten Träumen, Gewalt und schnellem Geld. Was hat Said mit Iliya zu tun, dem mächtigen Mann im Hintergrund, bei dem alle Fäden zusammenzulaufen scheinen? Veska ist gezwungen, sich ihren eigenen Erinnerungen zu stellen. Unterstützt von ihren Freundinnen und Freunden aus Svilengrad, beginnt sie, ihre eigene Geschichte zu schreiben. (Quelle: Piffl Medien)
Sanfte Hügel, die Vegetation von der Sonne ausgedörrt, heruntergekommene Bauernhäuser, ein paar versprengte Kühe. Die Gegend in „Das geträumte Abenteuer“, dem neuen Film von Valeska Grisebach, kommt einem seltsam vertraut vor. Wahrscheinlich, weil sie in dieser Gegend schon ihren letzten Film drehte, Western, der 2017 in der Sektion ‚Un Certain Regard‘ in Cannes lief. Auch das erste Gesicht, das im Film zu sehen ist, bedeutet eine Wiederbegegnung mit dem früheren Werk: Es gehört Syuleyman Alilov Letifov, der hier zwar eine andere Figur spielt aber wieder mit seiner magnetischen Ausstrahlung die Leinwand füllt, so dass es sich anfühlt wie eine Erweiterung des damaligen Erzähluniversums.
Faktisch ist es das auch. Das Universum ist einfach der trockene, bröckelige Rand Europas, der Zipfel ländlichen Bulgariens, der der griechischen und der türkischen Grenze gleichermaßen nahe liegt. Dort, nahe der Kleinstadt Svilengrad, hat die Archäologin Veska (eine großartige Entdeckung: Yana Radeva) auf einem die ganze Region überblickenden Hügel ihre Ausgrabungsstätte aufgeschlagen. Die Leute sagen, dort sei nichts mehr zu holen, doch geduldig legt ihr Team immer wieder Münzen und andere kleine Artefakte frei. Die Ausgrabung selbst ist trotzdem kein großes Thema in Das geträumte Abenteuer, sie bietet lediglich die den Anstoß gebende Symbolik.
Veska selbst kommt aus Svilengrad, ist jedoch als junge Frau zum Studieren in die Großstadt aufgebrochen, viel gereist. „Du bist jetzt eine Europäerin,“ sagen die alten Nachbarn und markieren damit den Konflikt, der dieser Geschichte zugrunde liegt: Die Menschen hier leben in einer Gegend, die vom Kontinent vergessen wird und dennoch seine Probleme ausbaden muss. In ihrer freien Zeit durchstreift Veska verlassene Hotels und Restaurants in mondäner Sowjetmoderne errichtet, für die noch keine Archäologin notwendig ist, um die Erkenntnis freizulegen, dass das damalige Versprechen auf eine glorreiche Zukunft und prosperierenden Tourismus fehlgeschlagen ist. Die Infrastruktur ist marode, die Politik glänzt durch Abwesenheit, verspricht immer nur Flüchtlingsströme einzudämmen, von denen die Leute sagen, dass sie hier jeden Tag durchziehen, die aber im Film nie zu sehen sind.
Ein viel greifbareres Problem in der Gegend ist die Mafia. Die Zuordnung ist ganz einfach: Entweder du sprichst über die Mafia, du wirst drangsaliert von der Mafia oder du bist die Mafia. Schlägertypen drangsalieren einen alten Bauern und kappen seine Benzinversorgung, damit er ihnen endlich sein für Schmugglergeschäfte günstig gelegenes Gehöft verkauft. Der Boss lebt in einer Villa, durch deren Garten Pfauen spazieren und schmeißt dort Parties, für die seine Handlanger die schönsten Mädchen aus den umliegenden Discos zusammenklauben. In diese Gemengelage hinein kommt nun Veska, die mit den Verursachern dieser Verhältnisse schon in die Schule gegangen ist und es einfach nicht gut sein lassen kann.
Die Filme von Valeska Grisebach haben den Ruf langsam zu sein, Berliner Schule eben; Laiendarsteller, zurückgenommene Erzählweise. So langsam ist Das geträumte Abenteuer aber eigentlich gar nicht. Die Kamera ist beweglich, folgt einer Protagonistin, die die ganze Zeit in Bewegung ist. Wir sind nur das gemächliche Tempo dieser Gegend nicht gewöhnt, das Zeit lässt zu betrachten, wie die Schatten der vorbeiziehenden Wolken über die Hügel wandern und in dem Grisebach und ihre Cutterin Bettina Böhler Dialogen die Gelegenheit geben sich in Echtzeit zu entwickeln. Gespräche sind hier ohnehin das A und O, denn im Grunde wandert Veska den ganzen Film über von einem Tisch zum Andern. Die Leute sitzen in ihren Gärten beieinander und reden, kaum ein Smartphonebildschirm in Sicht, und manchmal wird sie eingeladen, manchmal von jemandem mitgenommen, gelegentlich lädt sie sich selbst ein. Zur Sprache kommen dabei die verschiedensten Perspektiven auf diesen Ort und seine Vergangenheit: Männer reden über die Goldenen Zeiten, über Geschäfte und machen schmierige Witze über Frauen. Die Frauen reden über die Gewalt, die sie erfahren haben und noch erfahren.
Show, don’t tell lautet ein viel zitierter Grundsatz des Filmemachens und irgendwie vollbringt Valeska Grisebach das Kunststück, das bei ihr Zeigen und Erzählen ein und das selbe ist. In dieser Hinsicht ist Das geträumte Abenteuer der perfekte Film. Keine Szene in den knapp unter drei Stunden Laufzeit ist überfüssig, es gibt keine Einstellung oder Dialogzeile, die nicht behutsam immer mehr Nuancen des Lebens bei Svilengrad und von Veskas eigener Vergangenheit freilegt, ohne dabei je gewollt oder überladen zu wirken. Manchmal geht das mit Veskas Angriffslust einher, manchmal mit hintergründigem Humor, aber immer mit ungebremster Neugier auf die Geschichten, die an diesem Ort nicht einmal vergraben, sondern für jeden, der hinsehen will, offen sichtbar auf der Erde liegen. (kino-zeit.de)

Land/Jahr: 
BG/D/F/AT 2026
Länge:
167 Min.
Regie:
Valeska Grisebach
Darsteller:
Yana Radeva, Syuleyman Alilov Letifo, Stoicho Kostadinov