Kinoptikum Landshut
SUMMER OF 84 OmU
 Di 25.12.  18:30
 Mi 26.12.  21:00
 Do 27.12.  18:30
 Fr 28.12.  20:00
Ein nostalgischer Retro-Horrortrip über einen Club jugendlicher Detektive auf der Jagd nach einem Serienkiller - erlesene und spannende Familienunterhaltung zu den Feiertagen.
Der 15-jährige Davey (Graham Verchere) ist begeistert: Gerade hat er ein Telefonat seines Vaters mitgehört, bei dem der Journalist informiert wurde, dass ein Serienkiller und Kindermörder in der Region sein Unwesen treibe. Gleich darauf versammelt Davey seine Freunde Woody (Caleb Emery), Eats (Judah Lewis) und Farraday (Cory Gruter-Andrew) in seinem Zimmer, das von Zeitungsberichten über Verschwörungstheorien jeglicher Art gespickt ist. Die anderen Jungs sind mit ihrer Euphorie etwas zurückhaltender; es sei nicht gesagt, dass der Killer tatsächlich auch in ihrer Kleinstadt auftauche. Doch als Davey dann bei seinem Nachbarn, dem freundlichen Polizisten Wayne Mackey (Rich Sommer), den Jungen von der Vermisstenanzeige auf der Milchpackung erkannt zu haben meint, ist die Aufregung aller groß: Die Kids nehmen sich vor, den Cape-May-Schlächter zu überführen, und der Sommer des Jahres 1984 verspricht endlich das ersehnte Abenteuer ihres Lebens.
Das Regietrio François Simard, Anouk Whissell und Yoann-Karl Whissell, auch RKSS genannt, ist mit seiner Huldigung der 1980er Jahre, die sich schon durch den Großteil ihres bisherigen (hauptsächlich Kurzfilm-)Werks zieht, beileibe nicht allein. In den 1990ern und frühen 2000ern wollte man gar nicht so gerne an diese Dekade denken, die wohl damals noch zu nahe war. Doch seit den späten 2000ern erleben die Eighties in Kino und Fernsehen einen Retroboom. Aktuelle High-Budget-Produktionen wie Stranger Things (2016) und Es (2017) sind nur die bekanntesten Aushängeschilder. Plötzlich lässt vieles, was man nicht lange zuvor noch als Bad Taste und antiquiert wahrnahm, die Herzen von Filmfans höherschlagen. Mit 20 bis 30 Jahren Abstand, also etwa eine Generation später, ist die ästhetische wie altersmäßige Differenz offenbar groß genug, um Insignien dieses Jahrzehnts wie BMX-Bikes, Dauerwellen, Walkie-Talkies, klobige Analogkameras oder Schnur- und Wählscheibentelefone als Ausdruck einer goldenen Jugendzeit genießen zu können – was erstaunlicherweise auch bei jenen Zuschauern zu funktionieren scheint, die damals gerade erst oder noch gar nicht geboren waren.
Summer of ’84 ist gegenüber sowohl dem bisherigen eigenen Werk der Regisseure als auch vielen anderen 80s-Filmen etwas anders gelagert. Zwar werden auch hier oben genannte und andere Vintagerequisiten mit viel Sorgfalt in Szene gesetzt, wird vor Klassikern wie Goonies (1985) und Stand by Me (1986) der Hut gezogen und musikalisch mit Bananarama und retroschicken Synthiesounds aufgewartet. Doch erschöpft sich der Film dabei nicht im nostalgischen Schwärmen, sondern hat vor diesem Setting auch eine spannende und mehrschichtige Story zu erzählen. Für einen Thriller oder Horrorfilm gibt sich der Plot lange Zeit ziemlich geerdet und ruhig, was der Spannung keineswegs abträglich ist, sondern eine subtile Beunruhigung mit sich bringt. Ästhetisch werden die Szenen von bedrohlichen Brauntönen und Nachtdunkel dominiert.
Man kann aus der Geschichte wohl am meisten Gewinn ziehen, wenn man sie nicht ausschließlich als Whodunnit verfolgt. Neben der Suche nach dem Killer erzählt Summer of ’84 mit zurückhaltend eingestreuten Verweisen auf den Kalten Krieg, Stranger-Danger-Kampagnen oder den -Wahlkampf des Republikaner-Gespanns Reagan/Bush ebenso von der allgemeinen Paranoia jener Zeit. Vor allem aber funktioniert er gut – und hier ist Rear Window (Das Fenster zum Hof, 1954) eine viel entscheidendere Referenz als 80er-Jahre-Produktionen – als Reflexion von Genre- und Kinomechanismen. Für Davey scheint der Gedanke, dass sein Nachbar ein Killer sein könnte, weniger schlimm, als dass er keiner sein könnte. Immer wieder wird der lustvolle und aufgeregte Blick in Mackeys Garten inszeniert, der sich mit dem Blick aus dem anderen Fenster abwechselt, das Einsicht in das Zimmer von Daveys Schwarm Nikki (Tiera Skovbye) gibt. Vom Voyeurismus zum tatsächlichen Eindringen in das Heim des anderen ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Allen Indizien zum Trotz hat man als Zuschauer ein ungutes Gefühl, fühlt man sich gelegentlich sogar als Komplize ertappt. Es geht nicht allein um die Ermittlung, sondern auch um die Konstruktion einer Killerfigur, die ihren Preis fordern könnte. Das größte Unbehagen geht dabei von der sich aufbauenden Bedrohung aus, dass der dominante Blick sich wandeln kann, die Jungdetektive und damit implizit auch der Zuschauer ihre Voyeurs-Deckung verlieren und selbst zum hilflosen Objekt des Killers werden.
Der Story gelingt es dabei, eine elektrisierende Spannung aufrechtzuerhalten zwischen Nähe und Distanz: Man fiebert mit beim jugendlich-unschuldigen Enthusiasmus und ist zugleich skeptisch gegenüber einem Ereignisfanatismus, der dieser Unschuld ein Ende setzen kann. In Summer of ’84 wird mit den Erwartungen gerade eines Genrepublikums lange Zeit gespielt. Und wenn diese Erwartungen dann in einem im Vergleich zum zurückhaltenden Gestus des vorangegangenen Plots umso drastischeren Finale eingelöst werden, kann Figuren und Zuschauer die Konsequenz durchaus schwer im Magen liegen. (critic.de)
Land/Jahr: 
CAN 2018
Länge:
109 Min.
Regie:
François Simard, Anouk Whissell
Darsteller:
Graham Verchere, Judah Lewis
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