Kinoptikum Landshut
ELECTRIC GIRL  Cinema Obscure
Sa  12.10. 21:00
So  13.10. 20:30
Mo  14.10. 17:30
Mi  16.10. 21:00
FSK 12
Die neuen Wilden voll unter Strom, es strotzt nur so vor Einfällen und Energie und Lust am Erzählen.
am Mo , den 14.10. im Anschluss Filmgespräch in Kooperation mit dem DBSH, bei Vorlage des Studentenausweises 4 € Eintritt.
Die Poetry-Slammerin Mia erhält die Chance, die Anime-Heldin Kimiko zu synchronisieren. Je länger Mia diesen neuen Job ausübt, desto stärker identifiziert sie sich mit der japanischen Weltenretterin. Bei ihrem Nebenjob als Barfrau ahmt Mia Kimikos Bewegungen nach und auf einer Party springt Mia wie Kimiko von einem Dach. Irgendwann meint Mias verspulter Nachbar Kristof, dass Mia krank sei. Doch wie kam es dazu?
Mia ist ähnlich hyperaktiv wie die zu Vanilla mutierte Maggie in "Tiger Girl". Doch selbst in ihren wildesten Ausbrüchen wirkt Mia immer ein Stück weit wie auf Valium. Selbst wenn sie wild herumwirbelt, erscheint sie wie auf Watte zu wandeln. Das hat zum einen sicherlich mit ihrer Identifikation mit der Anime-Figur Kimiko zu tun. Auch diese bewegt sich schnell, aber dabei äußerst geschmeidig. Es zeigt aber auch, wie Mia immer stärker von der Realität entrückt, wie sie immer mehr in den Wahn abgleitet.
Beide Bewegungen treffen zusammen, als Mia hinter dem Bartresen in die Rolle von Kimiko schlüpft. Voller Energie streckt sie ihre Arme aus, bis sie eine Heldenpose einnimmt. Doch anstatt übersteigert herumzufuchteln, führt Mia sanft gleitende Bewegungen aus, die sich exakt mit denen von Kimiko in ihren Animeabenteuern deckt. Diese flüssigen Bewegungen sind ein Ausdruck von Kimikos Kontrolle und Kraft. Immerhin kann KImiko die Elektrizität kontrollieren. Zugleich spiegeln Mias sanft gleitende Bewegungen jedoch auch ihr allmähliches Abgleiten in die Manie.
Es ist erstaunlich, dass man bei Electric Girl keinen exakten Zeitpunkt ausmachen kann, an dem Mias selbstbewusstes Agieren in die Psychose kippt. Eben war sie noch cool, dann ist sie auch schon krank. Aber wann das eine aufhört und das andere anfängt, lässt sich nicht wirklich sagen. Mia dreht auf und dann dreht sie durch. Mia hat die komplette Kontrolle und Mia ist komplett durchgeknallt. Dass der Zeitpunkt, an dem Mia den Kontakt zur Realität verliert, nicht klar auszumachen ist, liegt auch daran, dass Mia von Anfang an leicht entrückt ist. Die Stimmung in Electric Girl hat zu Beginn nichts Elektrifiziertes. Mia wirkt ein Stück weit wie das Kiemenwesen in Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers – sie scheint wie unter Wasser zu schweben. Es beginnt mit der Weltentrücktheit ihrer Arbeit im Synchronisationsstudio. Hier verschwindet Mia in Kimikos Comicwelt. Und zum Ausgleich geht sie auf Partys, auf denen die Menschen anderweitig der Welt entrücken.
Das Scharnier zwischen der Comicwelt und der Partywelt bildet Mias Wohnung. Obwohl diese ziemlich gewöhnlich ist, verwandelt Mia auch sie in einen Rückzugsort von der Realität. Kaum ist sie zu Hause angekommen, blendet sie die Außenwelt aus, indem sie die Vorhänge zuzieht. Diese schützen vor der Sonne und vor zu viel Realität. Doch die Realität dringt sehr eklig in Mias Leben in Form einer toten Ratte ein. Wie gut, dass man sich vor der Realität ins Internet flüchten kann. Pech nur, wenn einen auch dort die fiese Realität in Gestalt von Mias todkrankem Vater per E-Mail einholt.
Vielleicht ist die ausweglose Situation ihres Vaters der Knackpunkt, der Mias Allmachtsfantasien triggert. Wenn sie schon den Vater nicht retten kann, dann will Mia wenigstens eben schnell noch einmal die Welt retten. Spätestens auf der Geburtstagsparty ihres Vaters ist auch klar, dass Mia nicht mehr cool, sondern nur noch fürchterlich nervig ist. Selbstverständlich sieht Mia das jedoch völlig anders.
In dem Presseheft zum Film verweist die Regisseurin und Co-Autorin Ziska Riemann auf die Auffassung, dass die Manie „die schönste Krankheit der Welt“ sei. Ebenso zitiert sie eine Aussage aus der Dokumentation Stephen Fry: The Secret Life Of The Maniac Depressive. In dieser Doku fragt Stephen Fry seine Protagonisten: »Wenn jetzt hier vor dir ein Gerät stünde mit einem Knopf, um die Krankheit ein für alle Mal loszuwerden, würdest du drauf drücken?« Er erntet nur ein kräftiges Kopfschütteln.
Electric Girl zeigt jedoch, dass der manische Rausch auch seine starken Schattenseiten hat. Zwar versinkt Mia am Ende nicht so wie viele andere Manische in abgrundtiefen Depressionen. Dafür versinkt sie im Wasser. Was könnte Passender sein? Schließlich erschien sie bereits von Anfang an, wie eine unter Wasser Wandelnde (artechock.de).
Land/Jahr: 
D 2018
Länge:
89 Min.
Regie:
Ziska Riemann
Darsteller:
Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Florian Stetter, Jytte-Merle Böhrnsen
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