Kinoptikum Landshut
BETTY BLUE - 37,2° AM MORGEN  Die Zelluloid-Kinemathek
Do 05.03. 
21:00 
Fr 06.03. 
20:00 
FSK 16
Eine wilde, bonbonbunte Amour Fou - einer der größten Kultfilme der 80er aus dem Erwachsenen-Regal unserer Kinemathek
Zorg (Jean-Hugues Anglade) lebt abgeschieden an der Küste Frankreichs in einem billigen Motel in den Tag hinein. Seine einzige Aufgabe besteht darin, die umliegenden Motels des schmierigen Besitzers in Schuss zu halten und den Abend heranzusehnen, um seine faszinierende Freundin Betty (Beatrice Dalle) zu sehen. Eines Tages steht Betty vor Zorgs Tür und gibt ihm zu verstehen, daß sie gekündigt worden ist und nun keine Bleibe mehr hat. Wie selbstverständlich legt Zorg ihre Koffer auf seinem Bett ab und es ist klar, daß Betty bei ihm wohnen wird. Betty, welche durch ihr ungezügeltes Temperament schlagartig eine Auseinandersetzung zwischen Zorg und ihr zu entfachen vermag, entdeckt zufällig einige Manuskripte, die aus Zorgs Feder stammen. Begeistert von der Vorstellung Zorg sei nun ein Schriftsteller, geraten die beiden Liebenden, vorangetrieben durch Betties impulsive Art, in ein Gewirr von Ereignissen... Der französische Regisseur Jean-Jacques Beineix ist eines der größten Genies des jüngeren französischen Kinos. Sein erster Film DIVA (1981) war eines der beeindruckendsten und einflussreichsten Filmdebüts seit Orson Welles´ CITIZEN KANE und begründete eine ganz neue Filmbewegung: das Cinéma du look. Doch der Folgefilm DER MOND IN DER GOSSE (1983) blieb weitestgehend unbeachtet. Dann gelang Beineix mit BETTY BLUE (1986) ein fulminantes Comeback. Der Film erhielt eine Nominierung für den Auslands-Oscar und gilt noch heute zusammen mit DIVA als einer der größten Kultfilme der 80er Jahre. Bei BETTY BLUE ging Beineix keineswegs auf Nummer sicher. Bereits der Filmanfang macht unmissverständlich klar, dass er hier nicht darauf abzielt um jeden Preis den Erfolg seines Debüts zu wiederholen. Begann DIVA mit einer ganz ruhigen Sequenz in der Pariser Oper, so wird in BETTY BLUE gleich auf das heftig kopulierende Liebespaar gezoomt. Nachdem die beiden schwitzend und stöhnend gekommen sind lautet der erste gesprochene Satz im Film: "Ich kannte Betty seit einer Woche und wir bumsten jede Nacht!" Ja, hier geht einer so richtig in die Vollen! Und so, wie Zorg und Betty kurz darauf beginnen, die Barackensiedlung in den kitschigsten Bonbonfarben anzustreichen, so arbeitet auch Beineix mit dem groben Spachtel, wenn sich der Film im folgenden in eine extrem kitschige romantische Liebeskomödie entwickelt. Doch so, wie bereits beim ersten gemeinsamen Candlelight-Dinner unter freiem Himmel im Hintergrund die merkwürdig traurige Melodie eines benachbarten Jahrmarktkarussels ertönt, so erahnt auch der Zuschauer bereits sehr früh, dass dieses Glück wahrscheinlich nicht ewig wären kann ... Denn so fröhlich und lebenslustig die verrückte Betty ist, so sehr verstört sie selbst den im siebten Himmel schwebenden Zorg immer wieder mit ihrer extremen Aufgedrehtheit und Impulsivität. Und während Zorg völlig darin aufgeht die traute Zweisamkeit zu genießen, will Betty immer mehr. Symptomatisch dafür sind Bettys unentwegte Appelle an seine Berufung als Schriftsteller und ihre unnachgiebigen Bemühungen sein Skript um jeden Preis an den Mann zu bringen. Da aber aus all diesen großen Plänen nichts zu werden scheint, schlittert Betty langsam immer weiter in eine Depression und erleidet schließlich einen Nervenzusammenbruch mit fatalen Folgen. An einer Stelle bemerkt Zorg: "Die Welt ist verdammt noch mal zu klein für sie! Sie will etwas, das gar nicht existiert..." Beineix brennt hier ein nicht enden wollendes Feuerwerk an knalligen Bildern und bizarren Ideen ab. Beineix' Film schildert die obsessive Liebe des jungen Paares Betty und Zorg. Der Film ist in mehrere Kapitel unterteilt, in denen Zorg für sich und Betty einen Ort in Frankreich sucht, wo sie immer wieder versuchen zu leben und zu arbeiten. Vom Hausmeister eines Feriendorfes in Gruissan-Plage über Arbeit in einer Pizzeria bis hin zum Inhaber eines Klavierladens reicht ihre Odyssee, während Zorg versucht, für sich und Betty ein Zuhause zu finden und wieder mit dem Schreiben zu beginnen. Es sind jedoch die letzten Monate von Betty, einer an einer Borderline-Persönlichkeitsstörung leidenden jungen Frau. Endlich kulminiert ihre Verstörung, als sie wider Erwarten erfährt, nicht schwanger zu sein. Nach einer Selbstverstümmelung in Form einer Entäugung fällt Betty in ein agonieartiges Koma. Zorg sieht keinen Ausweg und keine Zukunft für sie und erstickt Betty mit einem Kissen. Die Handlung des Films wird aus Zorgs Sicht geschildert und häufig aus dem Off kommentiert. Verbunden durch Einsamkeit, ein trostloses Dasein und eine starke sexuelle Anziehung erschaffen sich Betty und Zorg eine Welt, in der nur sie beide Platz haben. Andere Figuren tauchen nur am Rande auf. Der Fokus liegt auf den beiden Hauptfiguren und ihrem Versuch, der eigenen Trostlosigkeit mit Hilfe des anderen zu entfliehen. Der Titel spielt mit 37,2 Grad am Morgen auf erhöhte Körpertemperatur als mögliches Zeichen einer Schwangerschaft an. Hier passen Form und Inhalt zusammen: Beineix' typische, künstliche Ästhetisierung der Bilder steht für die Sinnlichkeit und den Stilwillen seiner realitätsunfähigen Helden. Zudem erwiesen sich Jean-Hugues Anglade ("Die Bartholomäusnacht") und Béatrice Dalle, die nach diesem Kinodebüt zur Erotik-Ikone avancierte, als Besetzungs-Glücksgriff. Fazit: Rauschhaftes inszeniertes Edeldrama. (cinema)
Land/Jahr: 
F 1986
Länge:
120 Min.
Regie:
Jean-Jacques Beineix
Darsteller:
Jean-Hugues Anglade, Béatrice Dalle, Gérard Darmon
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