Kinoptikum Landshut
ABTEIL NR. 6 - Hytti nro 6
Fr 20.05. 
18:00 
Sa 21.05. 
21:00 
Mo 23.05. 
19:00 
Do 26.05. 
20:30 
So 29.05. 
19:00 
FSK 12
Der letztjährige Gewinner von Cannes: Ein wodkagetränktes und völkerverbindendes Road Movie auf Schienen - inspiriert durch den gleichnamigen Roman von Rosa Liksom
Das Railmovie Abteil Nr. 6 führt in den hohen russischen Norden – und lässt eine feministische Finnin auf einen toxischen Russen treffen.
Im Abteil Nr. 6 ist dicke Luft. Das kommt nicht nur von Ljohas Selbstgedrehten. Laura, eine Finnin, die sich wahnsinnig auf diese Reise in den hohen Norden von Russland gefreut hatte, weil sie endlich in Murmansk die berühmte Felsenmalerei sehen will – sie studiert in Moskau Archäologie – ist der Wodka saufende Russe ein Dorn im Auge. Sie ist geradezu erschüttert von seinen schlechten Manieren und erbost über seine Anmachversuche. Als er sie fragt, was »ich liebe dich« auf Finnisch heißt, sagt sie »vittu sinua«, fick dich.
Es sind die 1990er Jahre, tiefer Winter. Russland hat gerade seinen Eisernen Vorhang aufgemacht, es ist die Zeit von Perestroika und Glasnost. Laura ist mit Natalia liiert, die in ihrem Wohnzimmer in Moskau gerne Salons abhält – sie ist eine Vertreterin der freigeistigen Intelligentsija. Aus dieser Sphäre fährt Laura nun mit der Murmanbahn 1500 Kilometer durch den Winter gen Norden, an den Arktischen Ozean. Im Liegewagen lassen sich die Pritschen tagsüber hochklappen, was eine strenge Schaffnerin überwacht. Laura will sie nicht helfen, als diese darum bittet, ein anderes Abteil zu bekommen. Hier gibt es keine Solidarität mit der Ausländerin und schon gar nicht mit einer Frau, die Angst vor einem Mann hat.
Der finnische Regisseur Juho Kuosmanen, den man von Der glücklichste Tag im Leben des Olli Mäki (2016) kennt, hat mit Abteil Nr. 6 eine zwar denkbar stereotype Ausgangslage geschaffen, übernimmt aber nur den Blick von Laura, der unsicheren Finnin, die herausgeworfen wird aus ihrem geschützten Moskauer Cocon mit Universität und lesbischer Liebe. In Murmansk erwartet sie eine eisige Landschaft, und Natalia geht nicht ans Telefon, wenn sie auf den vielen Halts in den Bahnhöfen in eine Telefonzelle eilt, um sie anzurufen. Seidi Haarla spielt die bodenständig wirkende Finnin, ihre Laura muss sich immer wieder innerlich sammeln und zusammenreißen. Als Frau ganz allein in den hohen Norden zu fahren, hatte sie unterschätzt. Der Norden ist Wildnis, das wird mit jedem Kilometer, den sie sich von Moskau entfernt, immer klarer. Ljoha, der als Bergarbeiter in Murmansk malocht, ist hierfür nur der Vorgeschmack. Yuriy Borisov spielt ihn, er war schon bei Andrey Zvyagintsev in Elena (2011) zu sehen. Als russischer Schauspieler wurde er jetzt Trigger für einen Film-Boykott durch die Multiplex-Kinokette CineStar, die ihn aus falsch verstandener Ukraine-Solidarität heraus canceln wollte. Nach heftigen Protesten des deutschen eksystent-Verleihs und des Produzenten Achtung Panda! Wurde schleunigst zurückgerudert und irgendetwas von Versehen gemurmelt. Der Eindruck, dass hier plumpe Reflexe am Werk sind, bleibt.
Dabei seziert der Film sehr genau, wie Vorurteile wirken. Denn plumpe Reflexe gegenüber dem Russen lassen sich anfänglich auch bei der Finnin finden. Erst allmählich, in einem langsamen, spannungsvollen Pas de deux hören sie auf, sich gegenseitig zu belauern und mit Blicken in dem engen Abteil, in dem sie Tag und Nacht eine Zwangsgemeinschaft bilden, zu bekämpfen. Juho Kuosmanen zeigt hier eine große Regiekunst, dafür hat er in Cannes den Grand Prix der Jury erhalten.
In diesem Railmovie aber ist die Fahrt nicht das einzige Ziel. In einer lange ausklingenden Coda lässt Kuosmanen seine Protagonisten noch in Murmansk aus dem Zug steigen. Laura geht in ihr Hotelzimmer, sie ist jetzt auf sich zurückgeworfen, im stillen Dialog mit ihrem dicken Buch über die Felsenmalerei, die sie sehen will. Der Kameramann Jani-Petteri Passi fängt die Halbinsel Kola ein, zeigt die verschneite Leere, die dick vermummten Menschen, den Schnee, das Eis. Hier ist nichts außer der Bahnhofstation, kleinen Straßen, dem Einstieg in das Bergwerk. Und um es vorwegzunehmen: Hier ist auch keine Felsenmalerei.
Spannungsvoll an diesem nördlichsten Nicht-Ort ist, dass Murmansk heute ein wichtiger Knotenpunkt Russlands ist. Hier lässt die chinesische Poly Group einen Kohlehafen bauen, der den nördlichen Seeweg mit der maritimen Seidenstraße verbinden und Transporte von Asien nach Europa über die arktische Route ermöglichen soll – davon ist in den Neunzigern, der Zeit, in der der Film spielt, freilich nichts zu erahnen. Hier ist nur Leere und Abgeschiedenheit zu sehen. Murmansk war früher das Ende der Welt – und wird es nach dem Ukraine-Krieg vielleicht wieder sein.
Aber weil Abteil Nr. 6 in den Neunzigern spielt, als für den Osten gerade eine neue Zukunft anbricht, erzählt der Film wie jedes andere Rail- oder Roadmovie auch von einer Initiation. Laura wird ihre Verklemmtheit und Steifheit abwerfen, wird sich dem russischen Winter hingeben. Das ist mutig und enthält einen großen Versöhnungsgedanken. Hoffentlich bricht bald wieder die Zeit für Glasnost und Perestroika an. (artechock.de)
Land/Jahr: 
FIN/EST/D 2021
Länge:
107 Min.
Regie:
Juho Kuosmanen
Darsteller:
Seidi Haarla, Juri Borissow, Julija Aug
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