Kinoptikum Landshut
IN DEN BESTEN HÄNDEN - La Fracture OmU/DF
Sa 25.06. 
18:00(frz. OmU) 
So 26.06. 
19:00(DF) 
Do 30.06. 
20:30(frz. OmU) 
Sa 02.07. 
18:00(frz. OmU) 
So 03.07. 
11:00(DF) 
Di 05.07. 
19:00(frz. OmU) 
FSK 12
Eine emotionale Achterbahnfahrt inmitten der Nachtschicht in einer Pariser Notaufnahme und ein unterhaltsamer Blick auf gesellschaftliche Realitäten.
Irgendwann hat sich Catherine Corsini dann wohl noch Valeria Bruni Tedeschi ans Set geholt, hat sie aufgezogen wie eine Aufziehpuppe, hat ihr erklärt, dass sie Raphaëlle heißt, eine bildungsbürgerliche Egomanin ist, deren Freundin Julie (Marina Foïs) sich gerade von ihr trennt, und hat sie auf ihren Film losgelassen. Figuren und Publikum suchen fortan verzweifelt nach dem Ausknopf, aber vergeblich: Kein Stopp, keine Pause, kein Ruhezustand, kein Standby – Tedeschi wird bis zum Ende von In den besten Händen (La Fracture) nicht mehr aufhören zu labern, zu schreien, zu flehen, zu spotten, zu jammern, in unerträglichem Selbstmitleid zu zerfließen. Dass sie sich zwischendrin den Arm bricht und ein „riesiges Knie aus ihrem Ellenbogen herausragt“, macht die Sache nicht besser.
Ihr unglücklicher Sturz bringt sie mit Lastwagenfahrer Yann (Pio Marmaï) zusammen, dem bei einer eskalierten Gelbwesten-Demo die Splitter eines Tränengaskanisters ins Bein geschossen sind. Beide kommen aus unterschiedlichsten Welten, sind aber ähnlich fertig mit den Nerven, pöbeln sich durch die Notaufnahme, in der ein Schild auf eine voraussichtliche Wartezeit zwischen sechs und acht Stunden hinweist, wollen so schnell wie möglich drankommen, die eine, weil sie es nicht anders gewohnt ist, der andere, weil er noch unbedingt in der Nacht den LKW zurückfahren muss, wenn er seinen Job nicht verlieren will. Ein Film, der In den besten Händen heißt und diese beiden Figuren aufeinander loslässt, dabei die emotionalen Ähnlichkeiten bei gegensätzlichen sozialen Hintergründen betont, riecht erstmal nach Vereinfachung, nach banaler Polarisierungsdiagnose mit beigelegtem Aufruf zur Versöhnung, nach schlichter Politik.
Allein, Catherine Corsini hat einen ganz anderen Film gemacht, einen Film, der genau diese Diagnose an die Wand fährt, ein Film nämlich, dem die beiden Figuren, die vermeintlich im Zentrum stehen, viel weniger wichtig sind als der Ort, in den er sie verfrachtet. Dieser Ort ist die Notaufnahme eines Krankenhauses in Paris, am Tag der gewalttätigsten Gelbwesten-Proteste. Die erfahrene Pflegerin Kim (Aïssatou Diallo Sagna) tritt zu Beginn des Films ihren Dienst an – es ist die sechste Nachtschicht in Folge, obwohl eigentlich nur drei erlaubt sind –, lässt sich bei den Bestandspatienten auf den neusten Stand bringen, erklärt einer verwirrten Patientin, wo sie sich befindet, eilt zu einem anderen, der keine Luft mehr bekommt, beruhigt einen Typen mit Psychose, der wegen überfüllter Psychiatrien hier auf seine Medikamente wartet. Zwischendurch noch mehr Care-Arbeit übers Handy: Ihr Freund ist mit dem Baby überfordert, dessen Fieber einfach nicht sinken will.
Als Gelbwesten-Film machte In den besten Händen vor der Premiere von sich reden, und das ist er im besten, weil überraschendsten Sinne: Corsini macht sich gar nicht erst daran, dieser Bewegung auf den Grund zu gehen, nach ihrer politischen Substanz zu fragen, nach Querfronten oder Chancen und Problemen des populistischen Aufstands. Für diesen Film ist die Bewegung ein soziales Phänomen, das seine Ursachen hat und seine Effekte, und beide kommen im Krankenhaus zusammen. Wo sich überarbeitete, unterbezahlte Pflegerinnen, fast ausschließlich migrantische Frauen, um die Verletzten und Verrückten, die Alten und die Schwachen kümmern. Es ist ein Segment der Arbeiterklasse, das in Kulturkampf- und Polarisierungs-Debatten kaum vorkommt, das aber ganz selbstverständlich politisiert ist: Der Aufforderung der Polizei, die Namen aller Gelbwesten-Protestierenden zu speichern, will hier niemand nachkommen, und dass es so nicht mehr weitergehen kann, erlebt Kim am eigenen Körper. Bald hören sie alle auf, sagt sie einmal, und dann werden sie es schon merken.
In den besten Händen macht also trotz des Titels nicht einfach mit in der Debatte um die gespaltene Gesellschaft, sondern stellt diese Debatte vom Kopf auf die Füße, lässt die Figuren, die in den Zeitungen Stellvertreterkämpfe führen, mit ihren Arm- und Beinbrüchen irgendwo im Krankenhaus rumliegen und sieht sich die materielle Basis einer Gesellschaft an, die sich vielleicht weniger von sich selbst entfremdet als schlicht chronisch unterversorgt ist. Dass dabei zwei Klischees von Figuren von all diesen Dingen den ganzen Film über immer wieder ablenken – allen voran Aufziehpuppe Tedeschi, die sich über die Ärzte lustig macht, die Offensichtliches diagnostizieren, die nach der Geliebten schreit, obwohl diese immer wieder betont, dass ihre Unterstützung im Krankenhaus nichts an der Trennung ändern wird –, gehört zum Programm.
Man kann Corsinis Move schließlich auch filmkritisch verstehen: Sie schnappt sich die Protagonisten einer klassischen französischen Culture-Clash-Komödie, verzerrt sie zu Karikaturen und sperrt sie in eine Krankenhausdoku. So in etwa fühlt sich dieses Monstrum von einem Film an, das nervös und Spaß macht und mit Karacho in den Abgrund führt, wenn die Proteste auch vor der Tür des Krankenhauses nicht haltmachen – und wenn die Culture-Clash-Komödie, in der der Arbeiter mit Existenzängsten und die verzweifelte Künstlerin mit Verlustängsten einander zu helfen begannen, einen düsteren Twist bekommt, weil Existenz- und Verlustängste eben doch nicht dasselbe bedeuten, und weil Kulturen selten auf Augenhöhe clashen. (critic.de)
Land/Jahr: 
F 2021
Länge:
98 Min.
Regie:
Catherine Corsini
Darsteller:
Valeria Bruni Tedeschi, Marina Foïs, Pio Marmaï, Aissatou Diallo Sagna
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