Kinoptikum
STERBEN
Family Entertainment
So 02.06. 
11:00 
Morituri te salutant: Eine Soap Opera von Film über das große Ganze
Lissy Lunies (Corinna Harfouch) sitzt im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheiße: Ihr Mann Gerd (Hans-Uwe Bauer) leidet an Parkinson, läuft schon mal nackt durchs Treppenhaus und wird bald in ein Pflegeheim abgeschoben. Was Lissy nicht allzu sehr zu bedrücken scheint, die Liebe ist längst verschwunden, darüber hinaus plagen sie eigene gesundheitliche Sorgen.
Zwei Kinder hat Lissy, doch die stehen der Mutter nicht zur Seite, sondern kämpfen mit eigenen Problemen: In Berlin probt der Dirigent Tom (Lars Eidinger) mit einem Jugendorchester eine Komposition seines Freundes, dem depressiven Komponisten Bernard (Robert Gwisdek). Zusätzlich ist Tom quasi Vater geworden, denn seine Ex-Freundin Liv (Anna Bederke) hat ein Kind bekommen, will mit dem leiblichen Vater des Kindes aber nichts zu tun haben. Sowohl Tom als auch Bernard sind latent beziehungsunfähig, haben Affären, Sex, aber vor tieferen Emotionen schrecken sie zurück.
In Hamburg wiederum lebt Toms Schwester Ellen (Lilth Stangenberg) ein Leben im Rausch, trinkt, singt und beginnt mit ihrem Chef, dem Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld) eine Affäre, als deren Basis Alkohol und Sex dient. Keine gute Voraussetzung für eine Beziehung, zumal Sebastian verheiratet ist und seine Frau in München mit den Kindern wartet.
In fünf Kapiteln und einem Epilog entwickelt Matthias Glasner seinen Reigen, ein breites Panorama von Emotionen und Exzessen. Während die ersten drei Kapitel nach den drei Familienmitglieder Lissy, Tom und Ellen benannt sind, heißen spätere Liebe und Leben, was ganz gut den inhaltlichen Bogen umfasst, den Glasner hier abdecken möchte.
Als Problem dabei erweist sich die Konstruktion des Films, die eigentlich diverse Figuren beschreiben will, am Ende aber doch vor allem Tom in den Mittelpunkt stellt. Während Ellen erst nach gut der Hälfte des Films auftaucht, verschwindet Lissy zu diesem Zeitpunkt fast völlig aus dem Film. Eine Szene zwischen Mutter und Tochter gibt es nicht, was das Verständnis für das exzessive Verhalten Ellens, die als emotional labil und unsicher geschildert wird, noch unverständlicher erscheinen lässt. Gerade diese Figur misslingt Glasner, sie wird zum Klischee einer Frau, die sich nur durch Trinken, Sex und Exzesse definiert.
Das ist umso bedauerlicher, da die anderen Figuren so genau beschrieben sind. Besonders zwischen Mutter und Sohn, zwischen Harfouch und Eidinger, entstehen einige schonungslos harte Momente, die präzise eine Entfremdung beschreiben oder vielmehr eine Eltern-Kind-Beziehung, die nie wirklich existiert hat. In diesen Momenten ist „Sterben“ das große Epos über die Schwierigkeit von Beziehungen, den ewigen Kampf zwischen sich selbst und dem Wissen, wie wichtig andere Menschen für das eigene Wohlbefinden sind.
In seinen besten Momenten zeigt „Sterben“ auch, dass Matthias Glasner wie nur wenige andere deutsche Regisseure den Mut hat, dahin zu gehen, wo es weh tut, Figuren zu zeigen, die oft zutiefst unsympathisch wirken, aber gerade dadurch komplex und wahrhaftig sind. Trotz mancher Schwächen also ein Film, der besonders ist, der viel riskiert und dabei manchmal scheitert, aber allein schon wegen seiner großen Ambition Beachtung verdient.
(programmkino.de)
FSK 16
Land/Jahr: 
D 2024
Länge:
180 Min.
Regie:
Matthias Glasner
Darsteller:
Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld

Seitenanfang